Der Hass spielt mit


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Allein die Befürchtung, es könne so kommen, ist beschämend. Und die relative Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, ist verstörend. Üble Verunglimpfungen von Robert Enke beim Niedersachsenderby.

Am Drama des verstorbenen Nationaltorhüters wird die Halbwertszeit von gesellschaftlicher Betroffenheit ohnehin nahbar, weil Rücksichtnahme keine Tugend ist. Vermeintliche Moral enttarnt sich in beachtlichem Tempo als zynische Bigotterie. Das gilt für den gesamten Fußball.

Doch die Bedenken, dass an diesem Spieltag die Würde eines Toten zur Zielscheibe von perfidem Hass werden könnte, hat einen konkreten Hintergrund.

Das brisante Niedersachsenderby zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 braucht sich mit seiner emotionalen Intensität nicht hinter dem Revierderby zu verstecken, eher im Gegenteil. Wie auch beim Duell zwischen Schalke und dem BVB verwandelt sich bei Einigen die leidenschaftliche Abneigung allerdings in destruktiven Hass. Ist diese Schwelle überschritten, wird es ekelhaft.

Schweinerei mit Anspielung?

Da wäre die groteske Schweinerei, mit der Unbekannte eine mit Hannover-Schal bekleidete Sau durchs verhasste Nachbardorf getrieben haben, noch recht harmlos, hätten die Täter dem Tier neben der „96“ auf der linken, nicht auch eine „1“ auf die rechte Flanke gepinselt. Eine Anspielung auf Hannovers verstorbene Nummer 1? – Scheinbar ja. Wie sehr das Niveau sinkt und der gute Geschmack zu Grabe getragen wird, belegen auch die BTSV-Kreuze an Braunschweigs Einfallstraßen.

Beide Seiten schenken sich also nichts und doch wurde angeblich aus dem Braunschweiger Umfeld schon vor Wochen eine Grenze überschritten. Im Internet kursierte ein Bild mit dem modifizierten Motiv aus Antifa-Kreisen, auf dem sich Adolf Hitler unter dem Aufruf „Follow your Leader“ per Kopfschuss selbst richtet.

In der vermeintlichen Braunschweiger „Interpretation“ raste ein Zug durch den Mund von Robert Enke, um am Hinterkopf explosionsartig wieder auszutreten. Dazu die Empfehlung: „Follow your Keeper“. Manche erkannten darin eine gezielte Provokation für Hannovers antirassistische „Brigade Nord“.

Die anschließende Pauschalverurteilung der gesamten BTSV-Fanszene war falsch, da die Herkunft des Logos bestenfalls spekulativ geklärt werden konnte. Doch überraschend war diese Kritik nicht, da in Braunschweig die unkritische Mehrheit eine fragwürdige Minderheit toleriert, ignoriert und wohl auch akzeptiert.

Abseits der Öffentlichkeit

Während der Stumpfsinn unter Sturmhauben beim Revierderby wuchtige Bilder lieferte, die dann auch eine breite Öffentlichkeit erreichten, ist das Schweigen in Braunschweig tatsächlich gefährlicher, weil man sich dadurch einer öffentlichen Empörung bislang entziehen konnte.

Das verantwortet nicht zuletzt auch eine mediale Mainstream-Berichterstattung, die noch nicht sonderlich ernsthaft auf rechte Strukturen innerhalb deutscher Fanszenen wie in Braunschweig, Aachen oder Duisburg reagiert hat, obwohl linke Ultras systematisch bedroht, gejagt und verprügelt wurden.

Es wird verpasst, dort auch mal den Blick hinter die Kulissen zu wagen, ohne sich dabei von vereinspolitischer Schönrederei blenden zu lassen. Bei brennenden Bengalos im Stadion ist die scheinbare Bedrohung aber wohl einfach sichtbarer als die tatsächliche bei braunen Brandstiftern im Kopf.

Was bleibt, ist die Hoffnung

Immerhin hat zuletzt die ARD Sportschau das Versäumnis wohl erkannt und in einem kleinen Internet-Beitrag thematisiert, welcher der Dimension des Problems allein aber nicht gerecht wird. Und so besteht auch weiterhin noch viel journalistischer Nachholbedarf.

Zunächst aber könnte diese komplexe Thematik vom Niedersachsenderby überschattet werden. Zwar waren die Bedenken aus genannten Gründen nachvollziehbar, das erste Prestigeduell nach 37 Jahren am Todestag von Robert Enke auszutragen, weshalb die Partie vom Sonntag auf den Freitagabend gelegt wurde. Ob dies den Hass und die Boshaftigkeit bändigen wird, ist aber mehr als fraglich.

Die Gewalt außerhalb des Stadions wird kaum zu verhindern sein. Doch die Hoffnung bleibt, dass den Angehörigen von Robert Enke der menschenverachtende Stumpfsinn im Stadion erspart bleibt.

Der Hass spielt mit, hoffentlich aber keine Rolle.

Quelle Titelbild: Klicker / pixelio.de

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