Katar und die WM-Sklaven: Halt die Klappe, Franz!


Franz Beckenbauer

Franz Beckenbauer nutzt Hubschrauber und Flugzeug mit der gleichen Selbstverständlichkeit als globales Verkehrsmittel wie Oma Kasutzke in Brunsbüttel das Taxi oder den Stadtbus.

Daran muss es wohl liegen.

Denn wer ständig von oben herab auf andere blickt, um sich aus der Vogelperspektive ein Urteil über die Schlaglochtiefe des Lebens zu erlauben, wirkt mit der Zeit doch recht abgehoben. Man ist der Realität eben ein ganzes Stück weit entrückt, wenn man so oft den Boden der Tatsachen unter den Füßen verliert.

Bei Beckenbauer hat man sich längst daran gewöhnt, dass seine Lippen gerne Worte zu Sätzen formen, die sich zuvor an der Autorisierung seines Großhirns vorbeigeschlichen haben.

Verzerrte Wahrnehmung

In der Vergangenheit wirkte das oft schrullig, auf eine sympathische Weise bizarr. Und das machte es irgendwie unnötig, Beckenbauer für das Prinzip von „Red mer erst, dann schau mer mal“ zur intellektuellen Haftung heranzuziehen.

Einer nationalen Lichtgestalt nimmt man es eben nicht übel, wenn sie auch mal verbalfluoriszierend über den Dingen schwebt.

Bis jetzt.

Bis zu dem Moment, an dem der „Kaiser“ nicht mehr nur über das Wohl oder Wehe des FC Bayern salbaderte und es nicht mal mehr die Vereinsführung sonderlich juckte, ob dieser Stuss nur inhaltsleer oder sogar gänzlich falsch war. Beckenbauer mischte sich nun mit einer grotesk verzerrten Wahrnehmung in die Debatte über menschenverachtende Zustände beim Bau der Infrastruktur für die WM in Katar ein.

Amnesty sieht Furchtbares, Beckenbauer fragt: „Wo?“

Medien hatten die erschreckenden Missstände bereits vor Monaten aufgedeckt und ein regelrechtes System moderner Sklavenarbeit aufgedeckt. Der „Guardian“ berichtete von 44 Toten und einer erschreckenden Dunkelziffer. Amnesty International erfuhr von über 1.000 verletzten Arbeitern, machte sich deshalb nun selbst ein Bild vor Ort und stellte ein „alarmierendes Ausmaß an Ausbeutung bis hin zu Zwangsarbeit“ fest.

Kosmopolit Beckenbauer, neuerdings wohl Menschenrechtsexperte der FIFA, wollte von all dem nichts mitbekommen haben. „Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen alle frei rum, weder in Ketten gefesselt noch mit irgendwelchen Büßerkappen auf dem Kopf“, spöttelte der 68-Jährige und sorgte damit für Entsetzen bei jenen, die es besser wissen: „Bei so viel Ignoranz und Kurzsichtigkeit fehlen mir die Worte“, meinte Regina Spöttl, Katar-Expertin von Amnesty International.

Die Dummheit von Beckenbauers Aussage erinnerte dann auch an Berti Vogts, der zur WM 1978 in Argentinien über das folternde Terrorregime von General Jorge Videla zu berichten wusste, dass Argentinien ein Land, sei „in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“ Dass man diese vor den Augen der fußballbegeisterten Welt nicht kopfüber von den Straßenlaternen von Buenos Aires hängte, wollte Vogts damals wohl nicht einleuchten.

Die Schweinerei hat Methode

Und auch Beckenbauer konnte wohl in der Loggia seines 5-Sterne-Hotels in Katar absolut keine Missstände ausmachen. Dass es sie gibt, ist außerhalb der FIFA-Diaspora nicht wirklich überraschend. Schließlich hat die Ausbeutung im Golfstaat Methode – das Kafala-System. Nicht nur ärmsten Wanderarbeitern wurden die Pässe abgenommen, um ihnen die Flucht aus dem Elend unmöglich zu machen.

Selbst Fußball-Profis wie Zahir Belounis wurden Opfer dieser zynischen Praktik. Der Franzose sitzt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Katar ohne Pass und Gehalt fest und sieht im Selbstmord den letzten Ausweg aus der Falle („Ich halte diesen Albtraum nicht länger aus!“).

Es ist geradezu pervers, doch neben dem Schicksal von Zahir Belounis spielen sich nicht nur rund um die WM-Baustellen in schockierenden Behausungen noch unzählige weitere menschliche Dramen ab, welche die Not des Fußballers noch weit übertreffen.

„Darüber kann man auch nicht lachen, weil es ernst gemeint ist“, echauffiert sich Amnesty-Expertin Regina Spöttl deshalb auch über Beckenbauers Aussagen und rät dem Funktionär, er „sollte mal unseren Bericht lesen.“ Die Regierung von Katar hat dies wohl getan und scheint laut AI angesichts der internationalen Kritik ehrliches Interesse an einer Behebung der Missstände zu haben.

Des „Kaisers“ eigene „Realität“

Missstände, von denen Franz Beckenbauer nicht wissen will, dass es sie überhaupt gibt. Stattdessen diffamiert er eben jene Berichte entsetzter Augenzeugen, die sich ihr Bild nicht nur aus der Perspektive eines gut gepolsterten Helikopters machen wollten. „Ich habe mir vom arabischen Raum ein anderes Bild gemacht und ich glaube, mein Bild ist realistischer“, erklärt er salopp.

Damit mag er irgendwie sogar Recht haben, zeigt die Aussage doch, dass der „Kaiser“ mittlerweile unter der gleichen Krankheit leidet wie sein Schweizer Kumpel aus der Elfenbeinturm-WG. Auch Joseph Blatter negiert die unbequeme Wahrheit gerne mit einem absurd sterilen Weltbild, in dem die surreale Wahrnehmung des Opportunisten wissentlich die schmutzige Realität ersetzt.

Auf diese Weise demaskiert Beckenbauer mit seiner dümmlichen Aussage einmal mehr die Skrupellosigkeit eines Interessensyndikats aus Wirtschaft, Sport und Politik, in dem greise Stars der Vergangenheit den Sport der Gegenwart an die Wirtschaft verhökern und dazu eine autokratische Politik betreiben. Demokratische Entwicklungen, wie etwa das „Nein!“ zum Olympia-Wahnsinn in München, sind ihnen suspekt. Und so war das Votum einer kritischen Mehrheit für den „Kaiser“ eben nichts anderes als „eine Dummheit“.

„Der Franz“ ist eben längst nicht mehr kauzige Lichtgestalt. Dieser Beckenbauer ist knallharter Lobbyist.

Es geht um grenzüberschreitende Profitgier, die weder Logik noch Widerspruch duldet. Es geht um Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf Verluste.

Die Verluste tragen andere.

Und manche verlieren dabei sogar ihr Leben.

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Fotograf: Arnim Roever

Ein Gedanke zu „Katar und die WM-Sklaven: Halt die Klappe, Franz!

  1. Beckenbauer und Breitner, die zwei Gestalten rund um den FC Bayern, bei denen ich die Hände über dem Kopf zusammenschlage, wenn ich sie nur sehe. Und ein Mikrofon in ihrer Reichweite.

    Den Kaiser hast Du wunderbar beschrieben — Breitner ist ja öfters in der Allianz Arena zu erleben. Wenn er auf den Schiedsrichter schimpft oder Werbebotschaften vermittelt. Würde ihnen ja einen entspannten Ruhestand wünschen, aber ihre „Einschätzungen“ werden wir wohl noch lange ertragen müssen.

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