Papst Franziskus: Sympathisch radikal


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Glaube ist einem wichtig, die Kirche aber suspekt. Eine Grundhaltung, die ich mit Vielen teile.

Glaube ist spirituelle Emotionalität.

Etwas Naives, das nicht erklärt werden muss, weil es per se gut ist, wie es sich anfühlt.

Glaube ist der Ruhepol in einem atemlosen Sprint durchs Leben.

Der Fixpunkt in diesem alltäglichen Chaos aus fragiler Euphorie und lauernder Tristesse, aus Hilflosigkeit und Verantwortung, Sinnsuche und immanenter Unsicherheit.

Die Kirche irritiert dabei. Speziell die katholische.

Das mag daran liegen, dass ich evangelisch bin. Mir selbst ist dieser Umstand aber ziemlich egal. Besser: genau dieser Umstand führt zu Misstrauen gegenüber der Kirche an sich. Denn wo Glaube durch Spiritualität die Menschen verbindet, trennt Konfession die Menschen durch Dogmatismus.

Diese Kirche ist kein Refugium aus Stein und Holz, diese Kirche ist eine politische Institution. Und Politik ist nichts anderes als das weltliche Organisieren menschlicher Interessen, in erster Linie der Macht. Nichts ist dabei unerklärlich, das Spirituelle wird profan.

„Auf diese Weise verwandelt sich das Leben der Kirche in ein Museumsstück oder in ein Eigentum einiger weniger. Bei anderen verbirgt sich dieselbe spirituelle Weltlichkeit hinter dem Reiz, gesellschaftliche oder politische Errungenschaften vorweisen zu können, oder in einer Ruhmsucht, die mit dem Management praktischer Angelegenheiten verbunden ist.“ Franziskus / Evengelii gaudium

Intrigen, Gier, Verrat und hunderttausendfacher Mord. Hysterischer Personenkult, Größenwahn und eine pathologische Lust auf Rückständigkeit – durchschaubare Scheinheiligkeit. Auch das ist Kirche.

Zuletzt gab es unter Papst Benedikt eine erschreckende Sprachlosigkeit statt zwingendem Dialog mit dem Zeitgeist. Hilfloses Festhalten an Haltlosigkeiten und orientierungsloses Navigieren in einer Welt, die verzweifelt nach der richtigen Richtung sucht. Dieser Papst war ein Hirte, der mehr Interesse am Wolf als an den eigenen Schafen hatte.

Ein Mensch fischt unter Menschen

Benedikts größte Leistung war sein Rücktritt, die göttliche Erkenntnis, dass Gottes Stellvertreter auf Erden eben auch nur ein Mensch ist und als solcher mit einer alltäglichen Realität außerhalb der theologischen Vergeistigung vollkommen überfordert war. Als Protestant war man dankbar, in diesem inquisitorischen Weltbild geduldet anstatt verbrannt worden zu sein.

Benedikts Pontifikat hatte durch diese groteske Rückständigkeit für mich keinerlei Autorität. Doch dann trat Josef Ratzinger zurück und Jorge Mario Bergoglio aus dem Schatten der vermeintlichen Favoriten. Ein faszinierender Mensch. Allein seine Namenswahl und seine Balkonrede nach dem Konklave schürten Hoffnungen, die Franziskus nun tatsächlich auch zu erfüllen vermag.

„Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist.“ Franziskus / Evengelii gaudium

Dieser Papst ist nahbar, kein von Gott Privilegierter, der den Stuhl Petri als Thron zur persönlichen Überhöhung betrachtet. Menschenfischer Franziskus will Mensch unter den Menschen bleiben, „ein Sünder“, wie er selbst meint. Aber einer, der um die Symbolkraft seines Amtes weiß und diese Macht sinnvoll zu nutzen gedenkt. Seine Kapitalismus-Kritik und der Verweis auf die Explosionsgefahr des Nord-Süd-Konflikts sind einfach nur großartig:

„Es stellt sich heraus, dass der zügellose Konsum, gepaart mit der sozialen Ungleichheit das soziale Gefüge doppelt schädigt. Auf diese Weise erzeugt die soziale Ungleichheit früher oder später eine Gewalt, die der Rüstungswettlauf nicht löst, noch jemals lösen wird. Er dient nur dem Versuch, diejenigen zu täuschen, die größere Sicherheit fordern, als wüssten wir nicht, dass Waffen und gewaltsame Unterdrückung, anstatt Lösungen herbeizuführen, neue und schlimmere Konflikte schaffen.“ Franziskus/Evengelii gaudium

Franziskus ist ein Papst, der sich nicht versteckt, sondern am Leben teilnimmt. Einer, der das Weltgeschehen verfolgt und sich dazu äußert, wie jüngst zur Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa. Einer, der für die Opfer staatlichen Versagens nicht nur frömmelnd die Hände faltet und die Augen schließt, sondern der dieses Versagen auch offen als das bezeichnet, was es ist:

„Ich habe dafür nur ein Wort: Schande.“

Verletzen, beschmutzen, verbeulen: eben das Leben erleben

Im Apostolischen Schreiben Evengelii gaudium legt Franziskus folgerichtig den Finger in die Wunde und beeindruckt dabei mit bemerkenswerter Selbstkritik und Authentizität. Runter von den hohen Rössern, raus aus der arroganten Bequemlichkeit – die Bischöfe sollen endlich dort hingehen, wo es weh tut: zu den Menschen.

Mit seiner materiellen Dekadenz und weltlichen Prunksucht ist Franz-Peter Tebartz-van Elst alles andere als nur das Schwarze Schaf der vatikanischen Familie. Der Skandal-Bischof von Limburg ist einer unter vielen Seinesgleichen. Denn die Geschichte der katholischen Kirche ist schließlich auch eine Geschichte von Falschheit und Selbstsucht unter dem Deckmantel der Cappa Magna.

Der neue Papst erkennt darin zurecht das größte Übel, ein enormes Glaubwürdigkeitsdefizit, das sich nicht einfach mal schnell weg beten lässt.

Bergoglio hatte als Bischof von Buenos Aires zu lange Wasser gepredigt, um nun als Franziskus plötzlich Geschmack an Wein zu finden. Das 76-jährige Kirchenoberhaupt sagt, was es denkt und tut, was es sagt. Die Besinnung auf den Menschen als Konsequenz einer persönlichen Demut fordert er nun auch von seinen Bischöfen ein.

‚Verlasst Eure Paläste‘, lautet der Befehl sinngemäß. Und wortgetreu:

„Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ Franziskus / Evangelii gaudium

Schritt für Schritt

Allein diese Worte bedeuten eine Zäsur im päpstlichen Selbstverständnis. Und natürlich gibt es nun kritische Stimmen, die ein kirchliches Toleranzbekenntnis zu homosexuellen Lebensgemeinschaften, Abtreibung oder der Priesterweihe für Frauen vermissen. Doch damit erwartet man den dritten vor dem ersten Schritt und verkennt, dass allein dieser erste Schritt schon einen ideologischen Weitsprung bedeutet, mit dem Franziskus traditionelle Verkrustungen durchbricht.

Dieser Papst, das darf man nicht verwechseln, ist nicht liberal, dieser Papst ist radikal. Ein revolutionärer Reformer, der Radikalität benötigt beim Blick nach vorne – als Korrektiv für die Radikalität der Rückwärtsgewandten. Denn Liberalismus, das weiß Franziskus, käme beim Erzkonservatismus der Kurie einem kirchenpolitischen Selbstmord gleich.

Jorge Mario Bergoglio wird mit seiner Graswurzel-Strategie ohnehin noch anecken und auf heftigen Widerstand stoßen. Denn er ruft dazu auf, wachzurütteln, die Kirche aus der distanzierten Lethargie zu befreien. Das gefällt in der Kurie nur Wenigen.

Es bleibt aber die Hoffnung, dass ihn die weltweite Sehnsucht nach Erneuerung bestärkt und bestätigt. Vor allem in seiner Art, nicht salbungsvoll zu predigen, sondern zunächst zuzuhören, bevor er selber spricht.

Und so ist es nicht ausgeschlossen, dass dieses offene Ohr mit der Zeit auch liberalen Stimmen Gehör schenkt.

Bildquelle: Klicker / pixelio.de

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