Russland: Gefährlicher Liebeskummer


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Bundespräsident Joachim Gauck will nicht nach Sotschi.

Eine Meldung, die sowohl in Deutschland als auch in Russland ordentlich Wellen machte. Gauck hat die Wildheit des diplomatischen Seegangs eventuell unterschätzt, nasse Füße hat er aber nicht bekommen.

Auch wenn er durch seine Sprecherin erklären ließ, dass es sich dabei nicht dezidiert um einen Boykott handele. Und dennoch, Gauck bleibt dabei: Olympia wird das Staatsoberhaupt fern bleiben.

Man darf das durchaus als Boykott verstehen, wenn man will. Gauck, der sich die Rechte und Würde des Menschen zum Leitmotiv seiner Amtszeit gewählt hat, hat gute Gründe für seine Entscheidung. Selbst schweigt er darüber. Doch es genügt schon ein flüchtiger Blick auf das Russland unter Wladimir Wladimirowitsch Putin, um seine Beweggründe zu erahnen.

„Statt freundlichen Volunteers stehen dort Soldaten mit Gummiknüppeln an jeder Ecke, bestimmen die Wege der Athleten, verhindern Fotos an Sportanlagen, als ob es Spionage wäre.“ Georg Hackl

Dieser Bundespräsident ist ein zutiefst moralischer Mensch und man darf davon ausgehen, dass er Putin in einem persönlichen Gespräch ohne diplomatischen Euphemismus durchaus die Meinung geigen würde.

Worauf wartet Gauck?

Dazu jedoch müsste Gauck erst einmal zum Staatsbesuch nach Russland reisen. Ein Pflichttermin, den er seit seinem Amtsantritt 2012 scheut wie der Teufel das Weihwasser. Anscheinend wartet Gauck einfach noch auf einen passenden Moment, der sich bislang noch nicht geboten hat.

Die Olympischen Spiele werden es jedenfalls nicht sein. Natürlich nicht. Gauck, der sich selbst als „Liebhaber der Freiheit“ bezeichnet, wird nicht zu seiner Russland-Premiere als prominenter Jubelperser zum Halligalli nach Sotschi fahren, um sich dort als staatsmännische Staffage für Putins bigottes Possenspiel instrumentalisieren zu lassen. Für diesen Besuch benötigt es einen würdigen Rahmen.

„Man sieht Arbeiter, die in einem Bus mit vergitterten Fensterstäben hergefahren werden. Daneben stehen zwei Bewacher mit Schnellfeuergewehren. Oder der Bus bleibt an der Ampel stehen und zwanzig Arbeiter rennen raus und füllen ihre Trinkflaschen im Bach auf, wo nur eine braune Brühe runterläuft, weil oben gebaggert wurde.“ Georg Hackl

Diesen könnte Gauck allerdings auch jederzeit selbst bestimmen. Indem er sich in Russland mit Oppositionellen trifft, die sich trotz massiver Repression und Einschüchterung noch Putins freiheitsverneinender Autokratie stellen. Ein freiheitsverliebter Bundespräsident könnte jenen mutigen Aktivisten neuen Mut zusprechen, die sich unter Einsatz ihrer persönlichen Freiheit und Gesundheit gegen eine staatliche Verfolgung und Kriminalisierung von Homosexuellen stemmen. Es wäre an der Zeit.

Widerwärtige Hetze als Karrieresprungbrett

Im Gegensatz zu Gauck wurde EU-Justizkommissarin Viviane Reding konkreter und nannte das Kind beim Namen. „Ich werde sicherlich nicht nach Sotschi fahren, solange Minderheiten so behandelt werden wie unter der gegenwärtigen russischen Gesetzgebung.“

Putins Russland ist zwangsläufig auch ein Russland, das Gestalten wie Dmitrij Kiseljow hervorwürgt. Einen reaktionären Agitator, der allwöchentlich im Staatsfernsehen bislang mit widerwärtigen Tiraden gegen alles hetzen durfte, was dem Putinismus zuwider läuft.

„Da steht alle zwanzig Meter wieder einer mit Gummiknüppel und sagt: ‚No foto!‘ Dann sagst du: Ja leck mich am Arsch, ich mach jetzt trotzdem ein Foto. Und dann gehen die auf dich los.“ Georg Hackl

Julian Hans, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, berichtet, dass Kiseljow der menschenverachtende Umgang mit Homosexuellen in seinem Heimatland nicht weit genug geht. Gesetze allein würden nicht genügen, meint der staatliche Scharfmacher. Man müsse Homosexuellen verbieten, Blut oder Organe zu spenden und ihre Herzen lieber „verbrennen, weil sie nicht geeignet sind, das Leben eines anderen zu verlängern.“

Bei derartigem Gedankenmüll stellt sich die Frage, ob Kiseljow eigentlich selbst über ein entsprechendes Organ verfügt, welches er spenden könnte.

„Es ist absolut beschämend, dass es Länder und Völker gibt, die so intolerant und ignorant sind. Das ist peinlich.“ Bode Miller

Russland soll wieder Weltmacht werden

Unter normalen Umständen müsste man davon ausgehen, dass dieser Mann die Konsequenzen seiner Dummheit tragen muss. Kiseljow hingegen wird für seine Hetzerei belohnt und auf der Karriereleiter ein paar Stufen nach oben gewuchtet.

In dieser Woche löste Putin die staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti auf und ersetzte sie durch die international ausgerichtete Rossija Segodnja, die weltweit ein positiveres Russland-Bild zeichnen soll. Chef dieser neuen Propaganda-Fabrik, man ahnt es schon, ist Hardcore-Demagoge Dmitrij Kiseljow.

„Ich respektiere dieses Land. Aber ich bin mit seinen Regeln nicht einverstanden. Egal ob du schwul, hetero, schwarz oder weiß bist: Wir alle verdienen dieselben Rechte. Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, für gleiche Rechte einzutreten, werde ich das tun, egal, ob ich dafür ins Gefängnis gehe.“ Nick Symmonds

Ob anti-demokratische Gesetze im Inland oder anti-europäische Einflussnahme in der Ukraine, Putin macht weiter ernst. Längst hat er der Welt ganz ungeniert offenbart, wes Geistes Kind er ist. Putin begreift sich als „magnus dux Moscoviae“, ihn umweht der Geist eines zaristischen Russlands mit feudalen Strukturen. Russland soll wieder Weltmacht werden – ökonomisch, politisch und militärisch. Putin bedient mit dieser Zielsetzung populäre Sehnsüchte im eigenen Land.

Es ist kein Widerspruch, dass es auch ein intellektuelles Russland gibt, das sich abseits der ökonomischen und geopolitischen Muskelspiele modern präsentieren möchte. Und weltoffen.

Bundespräsident Gauck hätte also viele gute Gründe, um seine Dienstreise nach Russland anzutreten, wenn der Grund nicht Sotschi heißen soll.

Der „Liebhaber der Freiheit“ könnte sich mit Menschen treffen, die seine Liebe teilen.

Er könnte ihnen neuen Mut zu spenden, bevor sich in Putins Russland gefährlicher Liebeskummer breit macht.

Bild-Quelle: Danil Popov/Flickr/Dan’ka

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