Fußball-Fankultur: Im Wandel der Zeit Teil 1


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Im Herbst 2008 hatte ich die Idee zu einer ausführlicheren Zustandsbeschreibung der Fankultur im deutschen Fußball, die ich dann rund ein Jahr später als Serie bei Eurosport.de publizieren konnte. Damals war der Begriff „Ultras“ in der medialen Wahrnehmung weitgehend unbekannt, die Fankurve war als öffentlicher Betrachtungsgegenstand völliges Neuland – ein Umstand, der im Winter 2013 kaum mehr vorstellbar ist. Es hat sich in diesen fünf Jahren schließlich eine ganze Menge getan. Nicht alles zum Besseren, aber doch sehr vieles zum Guten. Ich habe diese Entwicklung in zahlreichen Artikeln begleitet, die ich am Ende dieser vierteiligen Serien-Neuauflage verlinken werde. Nach einem Relaunch bei Eurosport ist die Serie in den Untiefen des WWW verschwunden. Erst vor wenigen Tagen bin ich wieder darüber gestolpert und hatte die Idee, sie in diesem Blog einfach noch mal zu präsentieren. Für mich war dabei spannend zu vergleichen, was sich zwischen Damals und Heute verändert hat und was eben nicht. Natürlich müssen die Texte deshalb auch beim Lesen inhaltlich in den damaligen zeitlichen Kontext von 2008/2009 eingeordnet werden.

Teil 1: Wer oder was sind Fans – und warum?

Es hatte sich Erleichterung breit gemacht, in der Frankfurter Guiollettstraße 44-46 und der Otto-Fleck-Schneise 6, bei den Verantwortlichen von DFL und DFB. Der Bundesgerichtshof hatte Ende Oktober 2009 den laxen Umgang mit Stadionverboten juristisch fundamentiert. Diese Sanktion kann demnach auch weiterhin aus purem Verdacht heraus ausgesprochen werden. Ein konkreter Tatbestand muss nicht vorliegen. Die Karlsruher Richter verwiesen auf das Hausrecht der Vereine.

Also bleibt der Liga und dem Verband die schärfste Waffe im Kampf gegen ungewollte Begleiterscheinungen des modernen Fußballs mit seiner veränderten Fan-Kultur erhalten. Dabei wird auch in Kauf genommen, dass Stadionverbote bereits für einen Aufkleber an einem Wellenbrecher ausgesprochen werden können. „Der wahre Fan“ soll eben vor „dem Randalierer“ geschützt werden. Doch diesen einen klassischen Fußball-Fan, so es ihn mal gab, gibt es heute ohnehin nicht mehr.

Fußball als soziales Spiegelbild

Fußball ist sicherlich nicht die einzige populäre Sportart, die sich im Lauf der Jahre permanent gewandelt und entwickelt hat. Oder wer könnte sich heute noch einen olympischen Hundertmeterlauf auf Asche vorstellen, am besten noch handgestoppt? Wer erinnert sich an ein Eishockeymatch, bei dem sich die Akteure gegenseitig noch ohne Helmschutz engagiert gegen die Banden klatschten? Welcher Radprofi steckt sich denn noch Pumpe und Ersatzschlauch unters Trikot und „dopt“ sich vor der Hors Categorie nach L’Alpe d’Huez mit einem kräftigen Schluck „Armagnac“?

Wie also sollte der Fußball als soziales Spiegelbild von Veränderungen verschont bleiben? Der Sport entwickelt sich mit seiner Gesellschaft. Verantwortlich dafür zeichnet in erster Linie eine nahezu grenzenlose mediale Durchdringung. Sportarten werden quasi ins rechte Scheinwerferlicht gerückt, um höchstmögliche Attraktivität und ergo eine bestmögliche Vermarktung zu erreichen. So hatte Adidas bereits für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 den „Telstar“ entwickelt, einen telegenen Ball, der mit seiner charakteristischen Schwarz-Weiß-Optik für den Fernsehzuschauer besser zu erkennen war.

Vokuhila-Wochenend-Invasion

Auch die Experimente mit „Golden-Goal“ und „Silver-Goal“ waren einer angestrebten Steigerung der Attraktivität geschuldet. Da dies auf Kosten sportlicher Gerechtigkeit ging, mussten diese Experimente scheitern. Dagegen konnten sich TV-gerechte Anstoßzeiten und eine Zerstückelung des Spieltages auf Kosten der Auswärtsfans durchsetzen. Der moderne Fußball ist eben wie der Grimm’sche Esel, dem unaufhörlich goldene Dukaten aus dem Hintern fallen sollen.

Regelwerk, Materialien und letztlich auch sportliche Leistungen haben sich über die Jahre verändert. Aber was ist eigentlich mit den Fans? Und wer sind „die“ Fans überhaupt?

Fußball – das war bis in die frühen Neunzigerjahre der Sport des sogenannten „Lumpen-Proletariats“. Die „Kutten“ beherrschten die Kurven. Das recht realitätsnahe Klischee beschreibt sie als Vokuhila-Wochenend-Invasion in den Fußgängerzonen deutscher Bundesliga-Metropolen. Eine halbe Palette Norma-Blechbrötchen zum Frühstück, eine ganze zum Mittagessen. Zum Anstoß gingen nur noch die eigenen Gesänge unfallfrei über die nikotinverfärbten Lippen.

Karl May statt Roland Emmerich

Welcher Firmen-Manager hätte damals an einem nasskalten Novembernachmittag gegen Hinrunden-Ende seine Geschäftspartner zu solchen Leuten ins weite unüberdachte Rund eines Gelsenkirchener Parkstadions oder des Münchner „Oly“ gelockt, ohne garantieren zu können, dass Zigarre und Crémant trocken blieben? Gut, die Haupttribünen waren auch damals schon überdacht. Die VIP-Bereiche jener Tage hatten mit den heutigen Business-Logen allerdings so viel gemein wie die Karl-May-Festspiele von Bad Segeberg mit einer Hollywood-Produktion von Roland Emmerich.

Das Münchner Olympiastadion, das Gelsenkirchener Parkstadion und ihre architektonische Verwandtschaft sind fußballerische Vergangenheit. Hochmoderne Hochsicherheits-Arenen haben von der Elbe bis zur Isar ihr Erbe angetreten. Namen wie Volksparkstadion, Frankenstadion, Westfalenstadion, Waldstadion mussten Banken und Versicherungen weichen. Begriffe wie Identität und Identifikation konnten eben nicht gewinnbringend bilanziert werden, so die streitbare Annahme.

Spätestens mit dem Eintritt ins neue Jahrtausend wurde der Fußball zum wirtschaftlichen „Event“, hofiert von eben jenen Gesellschaftsschichten, die früher doch eher despektierlich die Nase rümpften, wenn sich die Massen am Samstagnachmittag in Richtung Stadion aufmachten.

Geschäftspartner und Kunden

Die Münchner Allianz Arena GmbH wirbt damit, dass man auf privilegierten Plätzen zu privilegierten Preisen den eigenen „Geschäftspartnern und Kunden etwas ganz Besonderes bieten“ könne. „Die besten Plätze in der außergewöhnlichen Atmosphäre der Allianz Arena helfen Ihnen, Geschäftskontakte zu pflegen und neue Partnerschaften zu knüpfen“, heißt es da.

Einmal ein Fußballspiel in derart elitärer Umgebung erlebt, denkt man an eine Kreuzfahrt mit der „Freedom of the Seas“ durch grasgrünes Gewässer. Auch wenn man bisher nur einmal mit der „MS Schwaben“ über den Bodensee geschippert ist.

Toleranz ist nötig

Ist diese Entwicklung problematisch? Müßig zu beurteilen, da man die Uhr auf diesem fortgeschrittenen Niveau nicht zurückdrehen kann und die Vereine – und eben auch die Fans – darauf angewiesen sind, dass Einnahmequellen sprudeln. Andererseits hat man sich eben bislang auch noch keine großartige Mühe gemacht, um in der Einzigartigkeit von Tradition und Identität einen sanfteren Weg zur wirtschaftlichen Stabilität zu entdecken.

Für die einen ist diese Tendenz Ironie, für die anderen ist sie Tragik. Sicher aber ist, dass der moderne Fußball bei allen Parteien die Fähigkeit zur Toleranz auf die Probe stellt.

Morgen Teil 2: Ultras erobern die Kurven

Bildquelle: Rainer Sturm / pixelio.de

2 Gedanken zu „Fußball-Fankultur: Im Wandel der Zeit Teil 1

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