Fußball-Fankultur: Im Wandel der Zeit Teil 2


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Im Herbst 2008 hatte ich die Idee zu einer ausführlicheren Zustandsbeschreibung der Fankultur im deutschen Fußball, die ich dann rund ein Jahr später als Serie bei Eurosport.de publizieren konnte. Damals war der Begriff “Ultras” in der medialen Wahrnehmung weitgehend unbekannt, die Fankurve war als öffentlicher Betrachtungsgegenstand völliges Neuland – ein Umstand, der im Winter 2013 kaum mehr vorstellbar ist. Es hat sich in diesen fünf Jahren schließlich eine ganze Menge getan. Nicht alles zum Besseren, aber doch sehr vieles zum Guten. Ich habe diese Entwicklung in zahlreichen Artikeln begleitet, die ich am Ende dieser vierteiligen Serien-Neuauflage verlinken werde. Nach einem Relaunch bei Eurosport ist die Serie in den Untiefen des WWW verschwunden. Erst vor wenigen Tagen bin ich wieder darüber gestolpert und hatte die Idee, sie in diesem Blog einfach noch mal zu präsentieren. Für mich war dabei spannend zu vergleichen, was sich zwischen Damals und Heute verändert hat und was eben nicht. Natürlich müssen die Texte deshalb auch beim Lesen inhaltlich in den damaligen zeitlichen Kontext von 2008/2009 eingeordnet werden.

Teil 2: Ultras – Gewaltige Leidenschaft

Der moderne Fußball stellt bei allen Parteien die Fähigkeit zur Toleranz auf die Probe. Dieses neue Publikum ist vielschichtig, die Interessen sind vielfältig.

Ein Vergleich zur nordamerikanischen Sozial- und Einwanderungsgeschichte drängt sich auf: Die Idee des „Melting Pot“, des Schmelztiegels, hat in den USA das 20. Jahrhundert nicht überlebt. Man hat gelernt, dass unterschiedlichste Menschen nicht umgehend zum stereotypen Amerikaner mutieren, nur weil sie die Staatsbürgerschaft in den Händen halten.

Die „Salad Bowl“ hat die Idee des Schmelztiegels abgelöst. Dies trifft wohl auch auf den Fußball hierzulande zu. Die modernen Arenen sind Salatschüsseln, prall gefüllt mit bunten Interessen. Konflikte und Meinungsverschiedenheiten sind vorprogrammiert und müssen ernst und offen diskutiert werden.

Platz für alle

Einen vollkommenen Interessensausgleich wird es nicht geben können, dafür ist dieses neue Fußballpublikum zu heterogen. Und mittlerweile scheint auch beinahe jede Gruppe ihren Platz in den neuen Stadien, im „Modernen Fußball“, gefunden zu haben. Die Sponsoren und Geschäftsleute in der Loge und auf der Haupttribüne. Familien und Arena-Touristen auf der Gegengerade. Und die Kutten blieben als Block-Fraktion einfach hinter dem Tor stehen.

Seit den Neunzigerjahren beansprucht aber auch eine neue Fankultur ihren Platz im Stadion: Ein rebellischer Mob, der es sich auf die Zaunfahne geschrieben hat, innerhalb dieser vielschichtigen, kommerziellen Anonymität sein persönliches Refugium zu schaffen, in dem man sich wieder auf die traditionellen Wesensmerkmale des Fußballs, auf das Wesentliche, konzentrieren möchte.

Die Geschichte der „Ultras“

Italien ist die Keimzelle dieser Bewegung. Nicht nur in Deutschland ist sie auf fruchtbaren Boden gefallen. Der Ultra-Gedanke hat sich nördlich der Alpen durchgesetzt. In Deutschland polarisieren Ultras seitdem wie keine andere Fangruppierung. Mal werden sie in einem Atemzug mit nachweislich kriminellen Banden im Dunstkreis des italienischen „Calcio“ genannt, dann ernten sie Lob und Bewunderung für ihren leidenschaftlichen Einsatz und die großartigen Choreografien, nur um sich einige Wochen später gemeinsam in einer Schublade mit prügelnden Hooligans wiederzufinden.

Irgendwann in den späten Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, so heißt es, hefteten sich Anhänger des damaligen AC Turin nach Schlusspfiff an die Fersen des Schiedsrichters, um mit ihm die eine oder andere Spielszene nochmals kontrovers zu „diskutieren“. Die Jagd endete erst am Flughafen. Eine Aktion, die am nächsten Morgen von einer Gazzetta als „ultra“ betitelt wurde.

Es war eine Phase, in der sich vor allem das jüngere Publikum nicht mehr nur mit der Rolle des Zuschauers begnügen wollte. Diese Fans identifizierten sich voll mit „ihrem“ Verein, mit „ihren“ Farben und kanalisierten ihre ganze Leidenschaft indem sie mit ihrer Art der Unterstützung selbst Teil des Spiels wurden. Am Rande des Spielfeldes, auf den Stehplätzen, wurde der charakteristische Support, der „Tifo“, geboren und blieb beileibe keine Randerscheinung.

Deutschland wird infiziert

In vielen Stadien wurde das Spiel auf den Rängen nun gezielt akustisch begleitet. Neben Trommeln, Tröten, Pfeifen und Stimmbandeinsatz, erwachten die Stehplätze durch Pyrotechnik, Transparente, riesige Schwenkfahnen und Doppelhalter auch optisch zum Leben. Die Tradition von Rauch, bengalischen Fackeln und Feuerwerkskörpern, die heute die Gemüter erhitzt, hat in der Heimat des Calcio ebenso ihren Ursprung wie die polarisierende Bereitschaft zur Gewalt als umstrittener Teil des Ultra-Selbstverständnisses.

Aus dieser sozial-emotionalen Eigendynamik schälte sich mit der Zeit eine autonome Fankultur mit eigener Symbolik, eigenem Duktus, eigener Struktur und besonderem Credo heraus, die sich erst sehr schwerfällig und später äußerst rasant auch in Deutschland ausbreitete. Ende der Achtzigerjahre gründeten sich mit den „Soccer Boys“, später „Madness“ und heute „Mad Boys“ von Bayer Leverkusen und den „Eagles Supporters“ von Fortuna Köln die ersten Fanklubs, die sich am Ultras-Gedanken orientierten.

Vom Westen der Fußball-Republik sickerten die Ideale der neuen Fan-Kultur zunächst vor allem in den Süden, über Frankfurt, Karlsruhe, Stuttgart bis München und breiteten sich Mitte der Neunzigerjahre schnell in alle geografischen Himmelsrichtungen aus.

Commandos, Psychopathen, Senfgurkenmafiosi

Kein kurzes Strohfeuer, keine temporäre Modeerscheinung, keine bloße Fußnote in der Geschichte der deutschen Fanszene, sondern die Zäsur schlechthin. Das Ende der Heterogenität hinter dem Tor. Aus eruptiver Spontaneität der namenlosen Masse entwickelte sich die Unterstützung des eigenen Teams zum „Support“ mit System und sichtbaren Absendern, deren Namen vor allem auch in den Gästeblöcken der gegnerischen Stadien Programm sein sollten.

„Commandos“ übernahmen mit den Jahren die Kurven von den traditionellen „Kutten“, „Brigaden“ wollten auf den Stehrängen ein optisches und akustisches „Inferno“ entfachen. „Psychopathen“, „Verrückte Meuten“, „Wilde Horden“, in Cottbus zuweilen sogar die „Senfgurkenmafia“, bei den „Roten Teufeln“ aus Kaiserslautern bis heute die „Generation Luzifer“ – Ultras und Ultras-orientierte Gruppen haben sich nun rund 20 Jahre nach den ersten Schritten in nahezu allen Kurven der Bundesligen, der 3. Liga und den Amateurklassen hinter ihren Zaunfahnen positioniert.

Die Vereinsverantwortlichen müssten wohl erst einmal erkennen, welche irrationale Opferbereitschaft hinter dieser Lebenseinstellung steckt und wem dieses Opfer dargebracht wird. Nur dem Verein, keinen Personen. Ultras bringen Großsponsoren und möglichen Investoren Skepsis entgegen, da diese meist nur kurz-, bestenfalls mittelfristige Interessen verfolgen. Ultras investieren langfristig. Sie bezahlen mit einem Teil ihres Lebens und haben als Dividende immaterielle Werte im Blick: Respekt, Einfluss auf den Support in der Kurve, emotionale Wechselbäder und Gemeinschaftserlebnisse.

Ohne Entwicklung keine Gegenentwicklung

Und auch wenn dieses Lebensgefühl mittlerweile sogar die Kreisligen erreicht hat, am kontroversen Bild deutscher Ultras wird vornehmlich im Rampenlicht der Höherklassigkeit gepinselt. Unter der oberflächlichen Homogenität schlummert in der Szene schließlich viel internes Konfliktpotenzial. Die „Fedayn“, Ultras des AS Rom, haben mit ihrem „Manifesto“ vor einigen Jahren zwar ein Leibild vorgegeben, an dem sich zu Beginn viele Gruppen orientieren, doch den einen gemeingültigen Verhaltenskodex, den gibt es nicht.

Ihr Kampf gegen den „Modernen Fußball“ ist wie Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlen – nahezu aussichtslos, weil sich die Moderne nicht aufhalten lässt. Die Ultras-Bewegung steht zudem in symbiotischer Wechselwirkung mit ihren eigenen „Feindbildern“ – ohne Entwicklung keine Gegenentwicklung.

Nicht zuletzt der Einsatz von Pyrotechnik und handgreifliche Auseinandersetzung mit gegnerischen Gruppen und der Polizei rücken die Szene dauerhaft in den Fokus exekutiver Überwachung und führen zu einer bisweilen gerechtfertigten, viel zu oft aber schlichtweg unverhältnismäßigen „Sonderbehandlung“ durch schwer gerüstete Spezialeinheiten der Polizei.

Licht und Schatten

Die Bewegung lässt allerdings auch viel Raum für Interpretationen wie „Ultra“ gelebt werden sollte. Diese Uneinigkeit hat die Szene in ihrer Außenwahrnehmung ins Zwielicht geführt: Licht, wo Ultras durch tolle Choreografien, kreative Gesänge und leidenschaftliche Unterstützung an die ursprünglichsten Gründungsmotive erinnern; jede Menge Schatten, wenn Gewalt ins Spiel kommt.

Das Kind ist noch nicht in den Brunnen gefallen, die Bundesliga ist von „italienischen Verhältnissen“ so weit entfernt wie der deutsche Ellenbogen von der italienischen Zehenspitze.

Während im Mutterland der Bewegung, beispielsweise durch die neo-faschistischen „Irriducibili“ von Lazio Rom, längst eine kritische Grenze überschritten wurde, befindet sich die deutsche Szene momentan an einem Scheideweg. Sie muss wählen: Reicht es nur zur italienischen Kopie, weil man gar nicht bezweckt, die Absurdität des Arguments „Gewalt gehört nun mal zu Ultras“ zu überdenken?

Oder erkennt man die Chance, sich vom starren Diktat der Gewalt zu lösen und den Ultra-Gedanken weiterzudenken?

Morgen Teil 3: Moderne „Fans“ für „modernen“ Fußball

Bildquelle: Daniel Hannes / pixelio.de

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