Fußball-Fankultur: Im Wandel der Zeit Teil 3


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Im Herbst 2008 hatte ich die Idee zu einer ausführlicheren Zustandsbeschreibung der Fankultur im deutschen Fußball, die ich dann rund ein Jahr später als Serie bei Eurosport.de publizieren konnte. Damals war der Begriff “Ultras” in der medialen Wahrnehmung weitgehend unbekannt, die Fankurve war als öffentlicher Betrachtungsgegenstand völliges Neuland – ein Umstand, der im Winter 2013 kaum mehr vorstellbar ist. Es hat sich in diesen fünf Jahren schließlich eine ganze Menge getan. Nicht alles zum Besseren, aber doch sehr vieles zum Guten. Ich habe diese Entwicklung in zahlreichen Artikeln begleitet, die ich am Ende dieser vierteiligen Serien-Neuauflage verlinken werde. Nach einem Relaunch bei Eurosport ist die Serie in den Untiefen des WWW verschwunden. Erst vor wenigen Tagen bin ich wieder darüber gestolpert und hatte die Idee, sie in diesem Blog einfach noch mal zu präsentieren. Für mich war dabei spannend zu vergleichen, was sich zwischen Damals und Heute verändert hat und was eben nicht. Natürlich müssen die Texte deshalb auch beim Lesen inhaltlich in den damaligen zeitlichen Kontext von 2008/2009 eingeordnet werden.

Teil 3: Moderne „Fans“ für einen „modernen“ Fußball

Der FC Bayern München ist ein Phänomen. Der erfolgreichste deutsche Fußball-Verein nennt eines der imposantesten Fußballstadien der Welt sein Eigen, verfügt nicht selten über die größte Kaderdichte an Fußballprominenz und wird doch von unerfüllten Sehnsüchten geplagt.

Geld schießt keine Tore – ein trotziges Argument, welches allerdings längst widerlegt wurde. Aber wenn es um Stimmung geht, um Atmosphäre und Lautstärke auf den Rängen, dann gilt tatsächlich eine andere Währung.

„Operetten-Publikum“ statt Hexenkessel

Hingabe und Leidenschaft sind nicht käuflich. Abgesehen von seltenen Ausnahmen, müssen die Roten von der Isar das heimische Edeldesign-Wohnzimmer verlassen, um mal wieder etwas archaische Fußballluft zu schnuppern.

Als „Operetten-Publikum“ werden die Zuschauer in der Münchner Arena gerne despektierlich bezeichnet. Der harte Kern der Bayern-Fans aus der Südkurve des Olympiastadions wurde in zwei Hälften geteilt. Die eine steht nun weiterhin auf Süd, die andere musste sich als „Außendienststelle Nord“ im Block des Stadtrivalen TSV 1860 Müncheneinrichten. Eine Konstellation, die zum Beispiel auf Schalke unter vollkommen anderen fanstrukturellen Grundvoraussetzungen funktionieren mag. In München ist das Echo im wahrsten Sinne des Wortes verhalten.

Während andernorts der Funke aus der Kurve auch auf die Gerade überspringt, zeichnet sich diese speziell in München durch eine asbestähnliche Feuerfestigkeit aus. Der traditionelle Fan will mit seiner optischen und akustischen Unterstützung Einfluss auf das Spiel nehmen. Der „moderne Fan“ des „modernen Fußballs“ hat diesen Anspruch nicht mehr. Er will Erfolg und Spektakel konsumieren statt mit persönlichem Einsatz am Spiel zu partizipieren. Er will an Siegen teilhaben, nicht aber an Niederlagen. Atmosphäre ist unter diesen Voraussetzungen einfach nicht zu erwarten, akustikförderne Architektur hin oder her.

Kontrollwahn außer Kontrolle

„In der Bundesliga kommen immer mehr Event-Besucher, um sich berieseln zu lassen. Dieser Bogen darf nicht überspannt werden“, kritisierte Hamburgs Ex-Torwart Frank Rost bereits im „Sommermärchen“-Jahr in einem Interview mit dem „kicker“. „Das hat nicht mehr viel mit Fußball zu tun. Die echten Fans jeder Couleur werden durch Verbote vergrault. Irgendwann kommt die Frage auf, wo die Stimmung geblieben ist. Alles muss kontrolliert ablaufen, planbar sein. Aber Emotionen können nicht einfach verordnet werden. Im übertriebenen Sicherheitswahn und dem Schielen auf Profit verlieren viele die Wurzeln des Fußballsports aus den Augen.“

Rosts Kritik zielt auf eine Bürokratisierung der Fan-Kultur, die unter anderem mit dem „Fahnenpass“ und einer Längen-Reglementierung von Fahnenhaltern eine skurrile Absurdität offenbart.

Rost ist seit seiner Zeit auf Schalke Mitglied der Ultras Gelsenkirchen, „aus Überzeugung, nicht aus Image-Pflege. Diese Jungs geben soviel Herzblut für ihren Verein, da soll diese Geste ein klitzekleines Dankeschön sein.“ Doch über diesen symbolischen Akt hinaus denkt Rost auch wie ein Ultra: „Die Gefahr im Profifußball ist groß, dass man sich immer mehr von der Basis entfernt, weil man selbst im Goldenen Käfig sitzt. Ich will das nicht.“

Von nichts kommt nichts

Dieser Einschätzung von HSV-Keeper Frank Rost könnte man die Aussage von Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp entgegen halten: „Aber wer soll denn die Spieler finanzieren? Die Einnahmen der Klubs kommen nun mal von Sponsoren.“ In diesem Punkt mag man nicht widersprechen. Die Gehälter und Transfersummen der Spieler haben ein astronomisches Niveau erreicht, das längst jeden vernünftigen und nachvollziehbaren Rahmen gesprengt hat.

„Ich habe den Eindruck, dass ich als Stellvertreter der Kommerzialisierung des Fußballs bekämpft werde“, klagt Hopp nicht ganz zu unrecht. „Ob die mich als Person meinen? Ich hoffe es nicht. Aber als die Kommerzialisierung des Fußballs begonnen hat, war Hoffenheim noch in der Oberliga. Ich habe sie also nicht erfunden.“

Schon länger riechen statt des Plaste-Balls die Businesslogen nach Leder. Und der speziell für die Bedürfnisse der Hightech-Arenen entwickelte künstliche Naturrasen duftet auch nicht mehr so intensiv nach Gras. Der Fußball ist moderne Kunst, mit neuen Fans, mit „Kunden“. Schalkes (ehemaliger) Fanbeauftragter Rolf Rojek kennt die Klientel: „Wenn du gewinnst, aber nicht schön gespielt hast, gibt es immer welche, die sich darüber aufregen. Wenn du schön spielst und verlierst, war für dieselben Leute natürlich auch alles falsch. Und jeder hat natürlich eine andere Aufstellung im Kopf. Es kommen immer mehr Leute ins Stadion, die das Spiel mehr als Event sehen.“

Der Fußball der Gegenwart, den Kritiker wie die Ultras als den „Modernen Fußball“ bezeichnen, hat in seiner Entwicklung tief greifende Veränderungen durchlaufen. Seine Ecken und Kanten wurden zur Salonfähigkeit abgeschliffen, er musste seine abgewetzten Straßenklamotten ablegen und wurde mit Marketing-Artikeln, Werbeflächen und hin und wieder auch Maßanzügen uniformiert. Er musste einen Sprachkurs belegen, um das Vokabular der globalen Ökonomie zu erlernen.

Die Erbinformation des Fußballs

Die Explosion von Spielergehältern und Transfersummen, das Aussterben der Straßenfußballer als Identifikationsfiguren, der Wandel von Leidens- zu Zweckgemeinschaften zwischen Fans und Profis, restriktive Fan-Auflagen und unvorteilhafte Anstoßzeiten. Fußball, das ist Big Business. Ein großer fleischiger, saftig-süßer Pfirsich, von dem viele einen Teil abbeißen möchten.

Den Kern, nun, den gibt es auch noch. Der Kern ist das Spiel. Geschützt in seinem Innern lagert die Erbinformation des Fußballs: die Tradition. Das Ursprüngliche, das Anarchische, das Schweiß, Tabak und Bier Ausdünstende, das lautstark Gröhlende, das im Glück Jubelnde, in der Trauer Rotz-und-Wasser-Heulende, das Gemeinschaftliche, das Rebellische, das immer 90-Minuten-dauernde Nicht-Alltägliche.

Wem der Kern schmeckt, der ist sympathisch naiv, ist Fußball-Romantiker, ist Idealist. Ultras sehen sich als Verfechter dieser Sichtweise. Aber sie werden diesem Anspruch nicht immer gerecht. Mit einer nachrückenden Generation, die sich nicht mehr vorrangig mit den eigentlichen Motiven und Idealen beschäftigt, sondern das „Erlebnis“ auf der Straße sucht, scheinen Gewalt und Stumpfsinn die Szene immer mehr zu unterwandern.

Morgen Teil 4: „Fußballfans sind keine Verbrecher!“ – Ach nein?

Andrea Damm / pixelio.de

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