Fußball-Fankultur: Im Wandel der Zeit Teil 4


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Im Herbst 2008 hatte ich die Idee zu einer ausführlicheren Zustandsbeschreibung der Fankultur im deutschen Fußball, die ich dann rund ein Jahr später als Serie bei Eurosport.de publizieren konnte. Damals war der Begriff “Ultras” in der medialen Wahrnehmung weitgehend unbekannt, die Fankurve war als öffentlicher Betrachtungsgegenstand völliges Neuland – ein Umstand, der im Winter 2013 kaum mehr vorstellbar ist. Es hat sich in diesen fünf Jahren schließlich eine ganze Menge getan. Nicht alles zum Besseren, aber doch sehr vieles zum Guten. Ich habe diese Entwicklung in zahlreichen Artikeln begleitet, die ich am Ende dieser vierteiligen Serien-Neuauflage verlinken werde. Nach einem Relaunch bei Eurosport ist die Serie in den Untiefen des WWW verschwunden. Erst vor wenigen Tagen bin ich wieder darüber gestolpert und hatte die Idee, sie in diesem Blog einfach noch mal zu präsentieren. Für mich war dabei spannend zu vergleichen, was sich zwischen Damals und Heute verändert hat und was eben nicht. Natürlich müssen die Texte deshalb auch beim Lesen inhaltlich in den damaligen zeitlichen Kontext von 2008/2009 eingeordnet werden.

Teil 4: Fußballfans sind keine Verbrecher! – Ach nein?

Überfälle an Autobahnraststätten in der Vergangenheit, Ausschreitungen rund ums Stadion, Angriffe in Zug-Abteilen, permanente Jagd nach „gegnerischem Material“. Nur einige Beispiele, wie leichtfertig, selbstverständlich und sinnfrei Ultras ihr mühsam erarbeitetes positives Erscheinungsbild in der Kurve in wenigen Augenblicken auf der Straße wieder selbst zerstören. Hausgemachte Imageprobleme.

Radikalisierung der Szene

Es beschleicht einen das Gefühl, dass sich Teile der Szene zunehmend radikalisieren. Der schräge Begriff „Hooltras“ wurde leider bereits geboren. Es ist wohl gerade der Nachwuchs, für den sich Fußball und Gewalt erst sinnvoll ergänzen. Es liegt allerdings in der Natur dieser Subkultur, dass es keine einheitliche Meinung zum Thema Gewalt gibt.

Die einen Gruppen bejahen die körperliche Auseinandersetzung als logisches Element und suchen gezielt die Konfrontation. Andere akzeptieren Gewalt, stellen sie aber nicht in den Fokus, sondern sehen sie nur als Mittel der Selbstverteidigung. Nur sehr wenige Einzelpersonen distanzieren sich explizit von Gewalt.

Klar ist, dass Gewalt in der Vergangenheit immer schon eine Begleiterscheinung des Fußballs war. Vor allem in den Achtziger- und Neunzigerjahren, als der Hooliganismus dem Fußball noch näher stand als heute. Zu massiven Konfrontationen kam es damals nicht nur in den Amateurligen, sondern auch im Profi-Fußball. Ausschreitungen auf den Rängen und Platzstürme waren keine Seltenheit. Doch glücklicherweise konnte man den Fußball zumindest in der Höherklassigkeit von diesem Stumpfsinn befreien.

Das Feigenblatt der Ultras

Die heutigen Ultras wünschen sich für ihren Einsatz Respekt, Anerkennung für ihr Engagement, eine akzeptierte Daseinsberechtigung, einhergehend mit gestalterischen Freiheiten. Dabei weigern sie sich aber strikt, dem Diktat der Gewalt abzuschwören. Im Gegenteil: Wer physische Aggression verneint, verrät die Ideale der Ultras – auch dieses Denkweise ist populär.

Eine doch recht chauvinistische Grundeinstellung. Doch das will man in weiten Teilen der Szene nicht hören. Man will, dass man Ultras ohne Wenn und Aber kritiklos akzeptiert, oder sich seiner Meinung enthält. Es ist ein feigenblattartiges Argument, dass man sich nur untereinander bei Bedarf die Nasen blutig prügeln würde. Man sieht es als Spiel, als Jäger und Gejagter bei der „Verteidigung“ der eigenen Stadt.

Aber wie kann Gewalt als „Spiel“ so ohne weiteres akzeptabel sein? Ultras bewegen sich schließlich nicht in einem Szene-Vakuum. Sie sind Teil der Öffentlichkeit. Der Fußball gehört ihnen nicht. Und wenn es auf Parkplätzen, in Zügen oder vor dem Stadion zu Auseinandersetzungen kommt, dann geht das auch Unbeteiligte etwas an.

Es schadet diesem wundervollen Sport, wenn ihn beispielsweise Kinder in ihrer Wahrnehmung mit Gewalt assoziieren. Es ist eben nicht natürlicher Bestandteil des Fußballs, wenn sich einige Egoisten am Bahnhof, in der S-Bahn oder vor dem Stadion gegenseitig Schals, Fahnen und Doppelhalter ziehen.

Positiv und wenig beachtet

Der teils unkritische Umgang mit Gewalt irritiert auch deshalb, weil sich zahlreiche Ultra-Gruppen für durchaus sinnvolle soziale Projekte engagieren, die sich ihrerseits mit Aggressionen gegen Andersdenke, Minderheiten und Schwächere auseinandersetzen.

Die „Schickeria“ München richtet beispielsweise jährlich das Kurt-Landauer-Turnier aus, benannt nach dem Präsidenten des FC Bayern München, der mit dem Beginn des Dritten Reiches nicht nur seinen Beruf und das Funktionärsamt aufgeben musste, sondern auch ins KZ Dachauer deportiert wurde.

Gleichgesinnte wie „Südzecken“ und Ultras St. Pauli, das „Filmstadtinferno Babelsberg“, „Horda Azzuro Jena“, das Münchner Flüchtlingsprojekt „Karawane“, Ultras Bochum oder die italienischen Freunde der „Brigate Rossoblu Civitanova“ nahmen schon daran teil. Die Ultras des FC Bayern organisieren im Rahmen des Turnier-Wochenendes unter anderem auch eine gemeinsame Besichtigung der Gedenkstätte Dachau, Diskussionsrunden mit Zeitzeugen, Filmvorführungen und Antifa-Workshops.

Mit der Schließung des AEG-Werkes 2007 in Nürnberg begann etwas, was später in Bochum mit Nokia fortgeführt wurde. Ultras Nürnberg solidarisierten sich damals im Vorfeld umgehend mit den streikenden AEG-Mitarbeitern und demonstrierten dies unter anderem mit mehreren Spruchbändern in der Kurve.

Exzessive Lust an Destruktivität

Allerdings wollen viele Ultra-Gruppen politisch auch gar nicht wahrgenommen werden. Die Frage, ob Politik und Fußball vereinbar sind oder nicht, führt in der Szene zu einer Grundsatzdiskussion mit verhärteten Fronten. „Politik raus aus der Kurve“, dieser Auffassung sind nicht wenige. Politik wird gleichgesetzt mit Parteien-Politik. Man ignoriert schlichtweg, dass man selbst Teil einer modernen „Polis“ ist und allein mit seiner Einstellung Politik betreibt. Doch die Auseinandersetzung mit dieser Tatsache scheint vielen einfach zu anstrengend zu sein.

Innerhalb der Szene stößt man tatsächlich hier und da auf eine recht fragwürdige „Toleranz“. Einigen ist es schlichtweg egal, wer denn nun mit ihnen im Block steht. In diesen Fällen ist beispielsweise offenkundig rechte Gesinnung „Privatsache“. Was zählt, ist die aktuelle Treue zum Verein und zur Gruppe. Eine naive, verantwortungslose und vor allem bequeme Sichtweise. Hauptsache Spaß und Rabatz. Es gibt glücklicherweise auch einige positive Gegenbeispiele, wie etwa die sehr reflektierten „Horidos“ aus Fürth.

Dennoch ist zu beobachten, dass sich Ultras viel häufig selbst ins Abseits stellen. Vor allem die regelmäßigen Gewaltorgien in den unteren Ligen, schwerpunktmäßig im Osten der Fußballrepublik, sind Ausdruck von exzessiver Lust an Destruktivität.

Falsche Prioritäten

Der Hooliganismus steht im Vordergrund, eine Leidenschaft für den Fußball ist bei so viel unerträglicher Idiotie nicht mehr im Geringsten zu erkennen. Im Gegenteil: Wer sich Spielabbrüche als Ziel setzt, kann schwerlich Lust auf das Spiel haben. Hier muss über den Fußball hinaus gedacht werden, es geht um ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Abseits dieser Hooligan-Kultur muss aber auch die Bereitschaft der Ultras zur Gewalt zwingend hinterfragt werden. Die Sympathie für das gewaltverherrlichende „Clockwork-Orange“-Credo verstört. Ultras wollen wahrgenommen werden, mit ihren Choreografien, ihren Gesängen und in einigen Fällen auch mit ihrem sozialen Engagement und der damit verbundenen Verantwortung.

Es ist paradox, dass sie dabei so bewusst und verantwortungslos die Tatsache ignorieren, dass auch ihre Gewalttätigkeit wahrgenommen wird, während sie „Fußballfans sind keine Verbrecher!“ skandieren. Nicht nur von ihren bevorzugten Feindbildern wie Polizei und Sportfunktionären. Wütend macht vor allem, dass die jungen und jüngsten Stadionbesucher mit Schlägereien im Umfeld eines Spieles konfrontiert werden, mit dieser sinnfreien „Notwendigkeit“ des Ultra-Gedankens.

Ignoranz gegenüber dem gesunden Menschenverstand

Der Fußball gehört den Ultras nicht, sie sind selbst nur Teil des Ganzen. Sicherlich ein belebendes Element für die Stimmung in den Stadien und nicht zuletzt Teil einer Opposition gegen grenzenlose Kommerzialisierung. Aber ihre Bereitschaft zu physischen Auseinandersetzungen hat im Fußball keine Legitimation. Gewalt, nur um der Gewalt Willen, kann niemals eine Legitimation erfahren, da sie jeder moralischen Wertvorstellung widerspricht. In diesem Punkt vermisst man ein Mindestmaß an Selbstreflexion und Selbstkritik.

Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es auch wieder hinaus. Das ist nun mal das Naturell einer jeden Spirale aus Gewalt und Repression und macht alle beteiligten Konfliktparteien abwechselnd zu Tätern und Opfern.

Die Penetranz menschlicher Uneinsichtigkeit untermauert in vielen Regionen der Erde auf erschreckende und zeitlose Weise die leidvolle Absurdität solcher destruktiven Automatismen.

Diese Absurdität für den Sport und das eigene Leben freiwillig zu adaptieren muss man daher als Ignoranz gegenüber dem gesunden Menschenverstand bezeichnen.

Einige meiner weiteren Eurosport-Artikel zum Thema Fankultur:

ZIS: Viele Fragen, wenige Antworten (Oktober 2013)

Stumpfsinn unter Sturmhauben (Oktober 2013)

Südkurve München: Der Tod kommt leise (August 2013)

Nerven Ultras? (Februar 2013)

Links vor Rechts in der Kurve (Januar 2013)

Braune Gefahr im Schatten der Moralpanik (Dezember 2012)

12:12 – Die Macht der Stille (Dezember 2012)

12:12 – Zurück zum Humba Tätäräää! (Dezember 2012)

Chaoten auf den Business-Seats (Dezember 2012)

Vorsicht, streunende Köter! (November 2012)

Fangewalt: Einfach Kriegsrecht ausrufen! (Juli 2012)

Erlöse uns von dem ‚Schland“ (Juni 2012)

Ultras: Sieg durch Niederlage (Februar 2012)

Rainer Wendt: Handschellen für die Sachlichkeit (Oktober 2011)

Herrmann: „Gewalttäter abschrecken!“ (Juli 2011)

Polizeigewalt: „Da trifft es schon die Richtigen…“ (Juli 2011)

„Ultras-Szene am Scheideweg“ (Juni 2011)

Ultra-unschuldig! (Juni 2011)

Dünnpfiff vom Sitzplatz (März 2011)

A.U.A.I: All Ultras Are Idiots? (Februar 2011)

Bildquelle: SCHAU.MEDIA / pixelio.de

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