Besinnlicher Shopping-Terror


556674_web_R_by_Wolfgang Dirscherl_pixelio.de

Es ist jedes Jahr dasselbe mit dieser weihnachtlichen Doppelmoral.

Arschtritte und Abbitte liegen eng beieinander.

Das Fest der Liebe wird zum Fest der Hiebe, wenn man sich in einer deutschen Großstadt in der heißesten Panikphase auf der Suche nach den letzten Geschenken in die Einkaufszone wagt.

Ein Warnschild wäre angebracht: „Achtung! Betreten auf eigene Gefahr!“.

Nächstenliebe?

Jeder ist sich selbst der Nächste, so schaut’s aus.

Da stehe ich also in München an einer Rolltreppe am Marienplatz. Von irgendwoher wummert „Leise rieselt der Schnee“. Die Version klingt nach H.P. Baxxter auf Valium. Es schneit nicht, ab es hagelt Rempler und Beschimpfungen.

Ich muss hier weg, aber wie? – Es geht kaum was nach vorne, nach hinten geht gar nix.

„Jetzt gengans hoid ausm Weg, junga Mo!“, schnauzt mich ein gebrechliches Muttchen von unten an. Bevor ich mich umrehen drehen kann, um ihr zu erklären, dass ich mich wie die fossile Libelle im Bernstein fühle, spüre ich auch schon ihren Regenschirm im Kreuz.

Ein Regenschirm!?

Keine Wolke trübt den Himmel! Gut vorbereitet in die Schlacht gezogen, schießt es mir durch den Kopf. Ich fühle mich hin- und hergerissen zwischen Wut und Bewunderung, als sich der kleine bajuwarische Giftzwerg mit unerklärlicher Kraft an mir vorbeizwängt und Boden gutmacht.

Diese Else-Kling-Gedächtnisausgabe in noch kleiner, noch älter und noch unverschämter bahnt sich weiter ihren Weg durch die pulsierende Festtagsmasse und stößt dabei Flüche und Verwünschungen aus wie ein Notarztwagen Sirenengeheul in der Rettungsgasse eines Autobahnstaus.

Ich beschließe dieser Seniorenstift-Türsteherin zu folgen, doch schnell ereilt mich dasselbe Schicksal wie dereinst die Armee Pharao Ramses des II. bei Moses Exodus aus Ägypten. Die Gasse schließt sich vor mir, sie schließt sich hinter mir und die Masse schließt mich wieder ausweglos in sich ein.

Gut. Ich überlege mir eine erfolgversprechende Taktik: die Gliedmaßenvorstreckvariante. Man bewegt sich wie beim Klettern, nur eben in der Horizontalen. Also bohre ich meinen rechten Arm zwischen wabernde Körper und taste nach Halt, um sofort den Rest von mir hinterher zu ziehen.

Es klappt!

Ich wiederhole diese Taktik drei, vier Mal. Doch meine zahlreichen Gegner scheinen den perfiden Plan durchschaut zu haben. Sie klemmen meinen nach vorne gereckten Arm zwischen Gore-Tex und Daune fest und betonieren ihn an Ort und Stelle ein.

So gebe ich nun eine etwas armselige und unbeholfene Version von Da Vincis „Vitruvian Man“ ab. Unter Verlust einiger Hautpartikel des linken Arms gelingt es mir endlich, alle meine Körperteile in großer Wiedersehensfreude zusammenzuführen.

Da!

Wie ein Sonnenstrahl, der nach einem fürchterlichen Unwetter durch die noch trübe Wolkendecke bricht, tut sich vor mir eine kleine Lücke auf. Wann, wenn nicht jetzt?

Ich stoße in den freien Raum – und werde rüde vom Karton eines Syntrox Feinstaubsaugers aus der Heimgeräteabteilung des Kaufhof gefoult. Gelbwürdig! – Ich warte vergebens auf den Pfiff, stattdessen faucht mir der glückliche Staubsauger-Besitzer ein „Eymannpassochauf!“ entgegen. Glühweinfahne! Und zwar mit Schuss. Ordentlich Schuss!

Während ich mit umständlichen Verrenkungen versuche, meine lädierte Kniescheibe einem Berührungstest zu unterziehen, dringen vertraute Worte zwischen Scooter-Valium-Akustikfetzen zu mir herüber: „Ätz gengangs hoid ausm Weg do, Herrschaftszeiten nochamol! Weg do, Sakradi!“.

Mein Magen krampft, mir wird schlecht, angst und bange vor dem, was sich dort fluchend und verwünschend seinen Weg auf mich zufräst.

Während ich also spektakulär beim Versuch gescheitert bin, einen Weg in die Konsumhölle zu finden, bahnt sich dieser verknöcherte Zivi-Schreck mit vollbepackten Tüten bereits wieder seinen Weg zurück.

Diesmal mache ich es besser…

Ich nutze den Moment, in dem Rumpelstilzchens Regenschirmspitze einer völlig überforderten jungen Mutter und ihrer drei um die Wette plärrenden Bälger klar macht, wer denn hier auf der Rolltreppe abwärts tatsächlich Vorfahrt hat.

Ich kapituliere, wende auf dem Punkt und hänge mich unbemerkt in ihren Windschatten. Wie Schleppliftfahren. Ein paar Augenblicke später erreiche ich den großräumigen U-Bahnhof und kann zum ersten Mal seit einer halben Stunde wieder frei atmen.

Das war Xmas-Xtreme-Shopping auf höchstem Niveau!

Morgen versuche ich es gleich wieder. Und vielleicht bringe ich ja sogar Geschenke mit nach Hause.

FROHE WEIHNACHTEN!

Bildquelle: Wolfgang Dirscherl / pixelio.de

Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s