Horst Seehofer und der Islam: Viva la Reconquista!


 

Horst Seehofer sagt, es sei eine „große Aufgabe“, die Spaltung Deutschlands zu überwinden.

Worauf er dabei abzielt, ist kein Geheimnis.

Die vollständige Rückeroberung der konservativen Deutungshoheit von der AfD ist schließlich eine Obsession der CSU.

Ob dieser Umstand allerdings die tektonische Drift innerhalb der Gesellschaft aufhält, muss unbedingt bezweifelt werden.

 

Denn schon macht sich der selbsternannte Heimat-Experte ans Werk, um die Heimat zu retten. Mit einer kulturpolitischen Reconquista.

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“, weiß Seehofer. „Die bei uns lebenden Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland.“

Wie das nun wiederum gehen soll, bleibt ein christsoziales Geheimnis.

Dabei kann niemand der historischen Tatsache widersprechen, dass der Islam in Deutschland nicht originär kulturverwurzelt ist wie etwa das Christentum. Doch steht dies in keinem Widerspruch zur Tatsache, dass der Islam in Deutschland auf Grundlage der Religionsfreiheit längst gelebte Realität ist.

Solange dies im Rahmen demokratischer Grundwerte und Rechtsstaatlichkeit transparent geschieht, gehört ein aufgeklärter Islam mittlerweile auch ganz selbstverständlich zu einem modernen Land wie Deutschland.

Wer hier widerspricht, entlarvt sich als reaktionärer Realitätsverleugner und stärkt mit seiner abstrakten Aversion die fundamentalistischen Sprengkräfte, vor denen er sich eigentlich doch fürchtet und die den Islam von innen heraus zerstören, wie es der Salafismus tut.

Keine Toleranz gegenüber politischem Islamismus

Es steht vollkommen außer Frage, dass dieser politische Islam mit seinem säkularen Nihilismus und anachronistischen Weltbild in einer aufgeklärten Gesellschaft keinen Platz haben wird. Doch gilt dies ohnehin für jegliche Form des religiösen Fundamentalismus, der auch dem Christentum noch im 21. Jahrhundert nicht fremd ist.

Nun ist es leider so, dass sich Polemik nicht um derlei Differenzierung schert. Deshalb darf Seehofer auch davor warnen, „aus falscher Rücksichtnahme unsere landestypischen Traditionen und Gebräuche“ aufzugeben.

Entschuldigung, was?

Welche „landestypischen Traditionen und Gebräuche“ werden denn von muslimischen Mitbürgern und ihrer Religion existenziell bedroht?

Deutsche dürfen sich auch weiterhin traditionell im Herbst auf der Münchner Theresienwiese im eigenen Erbrochenen erniedrigen. Da hat kein Moslem was dagegen. Ich auch nicht.

Deutsche dürfen sich und andere auch weiterhin jenseits der landestypischen 130 km/h auf deutschen Autobahnen totfahren. Der ADAC verteidigt hier nicht das Morgenland, sondern die ehrenhafte deutsche Autoindustrie.

Ich kann unbeschwert Weihnachten feiern und christliche Gottesdienste besuchen. Niemand zwingt meine Frau, sich zu verschleiern. Und sollte ich mal nach dem Genuss eines Döners ähnlichen Brechreiz verspüren wie nach landestypischen Kulinaritäten von McDonald’s, dann gilt bei einer Klage deutsches Recht – nicht die Scharia.

Und auch den landestypischen Brauch, seine eigene Frau zu verprügeln, lässt sich der Deutsche in der Heimat nicht nehmen und verteidigt erfolgreich seine Spitzenposition in der Täterstatistik über häusliche Gewalt.

Welche Bedrohung?

Auf welche Weise also bedrohen muslimische Mitbürger deutsches Brauchtum und landestypische Traditionen?

Gar nicht. Seehofer legt populistische Köder aus, die so künstlich schmecken, dass sie geschmacklosigkeitsverwöhnten AfD-Wählern nicht munden werden. Da wird kein Fremdenfeind anbeißen, um sich aus der braunen Brühe ans schwarze Ufer ziehen zu lassen.

Die Kopie ist in der Regel eben einfach schlechter als das Original – und eine schlechte Kopie nichts weniger als peinlich.

Davon mal abgesehen: Sollen solche inhaltsleeren Aussagen allen Ernstes die Lösung für die „große Aufgabe“ beinhalten, von der Seehofer spricht? Dann steckt höchstes ein großes Nichts dahinter.

Mit bayerischer Bierzelt-Rhetorik mag ein Ministerpräsident traditionell im Freistaat seine Mehrheiten verteidigen, ein Bundesminister aber steht in der Pflicht, nüchtern zu denken, objektiv – und ganzheitlich. Das schließt Minderheiten ein und nicht aus.

Seehofer erkennt richtig, dass ein bedrohlich knirschender Spannungsriss die Gesellschaft durchzieht. Doch anstatt ihn zu kitten, treibt der Heimatheiler einen Keil hinein und gibt vor, zum Wohle der Nation etwas retten zu müssen, was gar nicht in Gefahr ist.

Ablenkung von einer Ungerechtigkeit mit System

Bedroht ist in der Tat der soziale Friede. Doch nicht durch den Islam, nicht durch Flüchtlinge und Muslime, sondern durch eine völlig fehlgeleitete Sozialpolitik, als deren Ergebnis in einem der reichsten Länder der Welt die Ärmsten gegen die Armen im Verteilungskampf um Lebensmittel und Wohnraum miteinander konkurrieren müssen.

Die Folgen für das gesellschaftliche Klima sollten niemanden überraschen. Denn blickt man zurück, so haben sich in der Geschichte der Menschheit soziale Spannungen schon immer gerne an Minderheiten entladen, am Fremdartigen, das scheinbar das eigene Leben – wenn auch nicht immer gleich existenziell – so aber doch qualitativ bedroht.

Ohne das Neue, so die Überzeugung, wäre das Alte viel besser. Oder zumindest weniger schlecht.

Auf dieser Klaviatur spielt Seehofer sein Heimatlied der „kleinen Leute“. Zur schrägen Melodie der AfD.

Es ist der Soundtrack zur institutionalisierten Ungerechtigkeit, gegen den viel zu wenige anschreien, weil ihm viel zu viele lauschen.

So will das Christlich-Soziale bald wieder die wahre Alternative für Deutschland sein und das Blendwerk aus dem Windschatten heraus überholen.

Wenn aber die linke Spur hierfür keine Option ist, bleibt Seehofer nur eine Richtung:

Mit Vollgas auf den Pannenstreifen.

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