VW-Boss Matthias Müller: 10,27 Millionen Euro – oder: Die Pointe eines schlechten Witzes


Laut einer aktuellen Studie ist die Gesamtvergütung der Dax-Vorstandschefs gegenüber dem Vorjahr im Schnitt um 3,5 Prozent auf den Rekordwert von rund 7,4 Millionen Euro angestiegen.

Das kann man erst einmal so stehenlassen, wirken lassen. Und zwar ganz ohne Neid.

Denn Neid verzerrt die Perspektive auf diese Zahlen und stellt die Kritik auf ein wackeliges Fundament.

Neid impliziert, dass man – wenn schon nicht alles – so aber doch bitteschön gerne ein ordentliches Stück von diesem Kuchen abbekommen sollte.

Neid schürt den Verdacht, der Neidische fühle sich im direkten Vergleich mit einem Dax-Manager persönlich benachteiligt. Es ist der naive Trugschluss, die Arbeit am Fließband müsse mit jener auf den Teppichetagen gleichgesetzt und gegengerechnet werden.

Neid ist die falsche Reaktion, Wut ist angebracht.

Weil SAP-Chef Bill McDermott mit 21,15 Millionen Euro jedes Maß verloren zu haben scheint und ein Gehalt bezieht, das man mit keiner Arbeit der Welt „verdienen“ kann. Solange in sozialen Berufen Hungerlöhne gezahlt werden allzumal.

Weil Daimler-Chef Dieter Zetsche mit 13,04 Millionen Euro auch dafür belohnt wird, dass die Weichenstellung für die Erforschung alternativer Antriebe verpennt, im Gegenzug  aber umso mehr Energie in Diesel-Betrügereien investiert worden war.

Weil Siemens den Wandel der Zeit im Energiesektor entgegen aller offensichtlichen Signale nicht erkannt und als Folge dieser unternehmerischen Blindheit fast 7.000 Arbeitsplätze gestrichen hat. Macht 10,84 Millionen Euro für Vorstand Joe Kaeser.

Ethisch und moralisch nicht mehr zu vermitteln

Natürlich, Dax-Vorstände tragen eine erhebliche Verantwortung, für die Volkswirtschaft ebenso wie für tausende Arbeitsplätze. Wobei unbedingt zu hinterfragen ist, ob angesichts genannter Beispiele dieser Verantwortung immer auf eine Weise Rechnung getragen wurde, die derart exorbitante Millionenbeträge „verdient“.

Ethisch und auch moralisch sind diese Unsummen in einer von sozialer Ungerechtigkeit gespaltenen Gesellschaft jedenfalls schon lange nicht mehr zu vermitteln.

Völlig grotesk wird es aber im Fall von VW-Chef Matthias Müller, der sich seine unternehmerische „Verantwortung“ mit 10,27 Millionen Euro entlohnen lässt, obgleich sich das V im Markennamen als Verantwortungslosigkeit und das W als Wirtschaftskriminalität enttarnt hat. Hört man VW, denkt man an Lügen, Betrug und Vertuschung.

Ich habe mich beim Schreiben des Blogs dabei erwischt, Müllers 10,27 Millionen Euro der Einfachheit halber auf 10 Millionen runden zu wollen und wäre dabei fast in die Falle getappt, die sich vor jedem normalen Arbeiter und Angestellten angesichts der Unfassbarkeit dieser Zahlen aufbaut: Ich hätte einfach mal eben 270.000 Euro als Peanuts abgeschrieben, was in etwa dem Achtfachen des durchschnittlichen Jahresbruttogehalts in Deutschland entspricht.

Das 300-fache des deutschen Durchschnittsverdieners

Müller also kassiert nun das 300-fache des deutschen Durchschnittsverdieners, der als statistischer Platzhalter sicherlich auch den einen oder anderen Besitzer eines VW-Diesels repräsentiert.

Mit welcher unternehmerisch verantwortungsbewussten Leistung Müllers lassen sich also diese 10,27 Millionen Euro rechtfertigen?

Es ist Müller, der die Antwort liefert.

Dem “Spiegel” nennt er zwei Gründe: Erstens: Die Relevanz des Unternehmens für die deutsche Wirtschaft und zweitens: das damit verbundene Risiko des Konzernchefs. Denn „als solcher steht man immer mit einem Fuß im Gefängnis“.

Letzteres ist nicht die fade Pointe eines schlechten Witzes – es ist ein Zitat. Und es offenbart Müllers abstoßende Dekadenz.

Denn übersetzt bedeutet das: Der kriminelle Betrug am Kunden könnte bei gewissenhafter politischer Sanktionierung durchaus auch mal ungemütliche Konsequenzen nach sich ziehen. Könnte. Passiert aber nicht. Da die Politik Müllers Forderung bereitwillig erfüllt, die er im „Spiegel“ formuliert: „Mir gefällt es nicht, wenn sich Politiker in mein Geschäft einmischen.“

Sagt einer, an dessen Geschäft das Land Niedersachsen – ergo der Steuerzahler – mit 20 Prozent beteiligt ist und über dessen Verständnis von Verantwortung eine neoliberale Wirtschaftspolitik auch auf dem Höhepunkt des Diesel-Skandals ihre schützende Hand gehalten hat.

Müllers Satz weckt cineastische Assoziationen: Etwas Watte in die Backentaschen, ein wenig Barthaar über die Lippe – und vor dem geistigen Auge nuschelt Don Vito Müllerleone.

Gewissenlose Schweinereien haben also ihren Preis. Und der liegt bei Müller bei ziemlich genau 10,27 Millionen Euro.

Man möchte sich wünschen, eine derartige Abgehobenheit möge doch bitte mit der erdenden Kraft des Gesetzes auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden: nicht nur mit einem, sondern mit beiden Beinen auf stabilem Zellengrund. Für 10 Jahre und ohne Bewährung.

Oh, und die 27 Tage – ach, geschenkt.

2 Gedanken zu „VW-Boss Matthias Müller: 10,27 Millionen Euro – oder: Die Pointe eines schlechten Witzes

  1. Natürlich kann – und muss ? – man die Höhe von Managergehältern immer diskutieren. Aber zwar fragen dazu:

    VW ist – in der Mehrheit, das Land Niedersachsen rechne ich da mal raus – eine Firma in privatem Besitz und der aktuell größte Konzern im Bereich Autobau. Warum soll eine Firma nicht frei bestimmen können wie sie ihren Vorstand bezahlt. Ich weiß, dass Du von Wagenknecht´schem Sozialismus träumst, aber dessen Erfolg kannst Du in der Sowjetunion bis Ende der 80er studieren.

    Und zweite Frage: Was sollte ein VW Vorstand Deiner Meinung nach verdienen?

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    • Es geht mir gar nicht so sehr um die Höhe. Hier gibt es bei einigen Unternehmen ja bereits selbst ein kritisches Umdenken, da man schon spürt, dass Auswüchse auf Dauer nicht gerechtfertigt werden können. Eine gesetzliche Deckelung wäre Blödsinn, das Entlohnungs- und Boni-System müssen die Unternehmen von selbst entwickeln. Bei SAP geschieht dies ja bereits.

      Worum es mir geht, ist der Umstand, dass trotz nachweislichem Missmanagement, sogar kriminellem Verhalten, üppige Gehälter ausbezahlt werden.

      Das mag einem egal sein. Mit nicht.

      Schöne Grüße

      P.S.: Ich träume nicht von Wagenknecht’schem Sozialismus, sondern von einer gerechteren Welt. Ich bin kein Sozialist, sondern Idealist.

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