WM 2018, Deutschland und die AfD: Schland unter!


Wenige Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft macht mir ein Anachronismus zu schaffen. Ein Widerspruch der Emotionen, das Ringen zwischen der Nüchternheit von Heute und der Leidenschaft von einst.

Da sind die Erinnerungen. Sie riechen nach Gartengrill und den “Atika“-Zigaretten meines Vaters, schmecken nach Karamalz und Ed von Schleck. Panini-Bildertausch im Klassenzimmer, die “Hand Gottes“ 1986 und Guido Buchwald, der ihr vier Jahre später auf die Finger klopft.


Eine andere Zeit. Ein anderes Leben. Vor allem aber eine andere Welt. Meine Vorfreude auf eine Fußball-WM habe ich irgendwo im vergangenen Jahrtausend verloren.

Es ist das Privileg der Unschuld, mit dem unsere Kinder noch staunen, sich begeistern und der Vorfreude ergeben.

Neymar, Müller, Messi – Ronaldo, Griezmann, Lewandowski – sie kicken schon seit Tagen in Spielstraßen, auf Bolzplätzen, im Handtuchgarten meines Nachbarn sowieso.

Die Kinder freuen sich auf ein Ereignis, das ihre ehrliche Freude eigentlich nicht verdient. Weil es ihre Ehrlichkeit nicht teilt und der Fußball seine Unschuld längst verloren hat.

Unwissenheit kann etwas Wundervolles sein, man möchte neidisch werden – denn man weiß es besser.

Die Moral hat ihren Preis

Dieser Sport ist mittlerweile in seiner realitätsentkoppelten Ökonomie nicht nur über alle Maßen pervertiert. Seine idealistische Wirkkraft zerfällt unter dem zersetzenden Gift von Intrigantentum und Korruption, den Leitbildern einer Funktionärselite, die Moral als Luxus deklariert, weil einfach alles seinen Preis hat.

Und deshalb добро пожаловать в Россию – herzlich willkommen in Russland!

Darf man eine WM gutheißen, die einem neozaristischen Autokraten eine unkritische Bühne zur Selbstdarstellung bietet?

Man kann das verneinen und sich als westgepolter Russlandhasser beschimpfen lassen. Man kann es empört bejahen, während man liebevoll die Chemtrail-Patina seines Aluhuts poliert und Russia Today die einzig wahren Fakten liefert. Oder man weiß gar nicht, worum es überhaupt geht, weil sich alle Aufmerksamkeit im Schicksal der Lombardis erschöpft.

Sei’s drum. Die Diskussion ist ohnehin redundant. Sie wurde schon zu den Olympischen Spielen in Sotschi geführt.

Es gibt etwa anderes, was nachdenklich macht.

Und dafür kann “der Russe“ nix, das schafft der Deutsche schon ganz allein.

Die Evolution des Schlandrian

Es ist die erwartbare Evolution des Schlandrian. Jenes abendländische Kulturgut, das auf das Jahr des Herrn 2006 datiert, und es nötig macht, sich Nationalfarben ins Gesicht zu schmieren, als wäre es Anti-Aging-Creme, mit schwarz-rot-goldenen Außenspiegelkondomen durch die Gegend zu prollen, hysterisch “Schland!” zu brüllen und die fachliche Befähigung des Bundestrainers tiefenanalytisch zu demontieren, da die schwule Schwabenschwuchtel den Daniel Odonkor nicht nach Russland mitnimmt.

Bislang war das alles zwar ziemlich albern und ausreichend peinlich, aber eben auch legitim, da harmloser Partykult.

Schlandrian ist wie eine Sommergrippe: kommt pünktlich, wirkt heftig und ist hoch ansteckend. Aber man überlebt in der Regel relativ unbeschadet und kann nach vollständiger Genesung sogar auch wieder alkoholfreie Flüssigkeiten bei sich behalten.

So war das bis zum Titelgewinn 2014. Dann kam 2015 – es kamen die Flüchtlinge.

Drei Jahre später schon zeigt dieses Deutschland ein zweites Gesicht. Nicht mehr nur das bunt bemalte, sondern ein von Hass und Wut verunstaltetes – es ist die braune Fratze der Fremdenfeindlichkeit, des aggressiven Nationalismus und des völkischen Rassengeschwurbels.

Die Welt hat sich seit 2006 weitergedreht – und zwar zurück. Man kann nicht behaupten, dass sie 2018 in Deutschland noch zu Gast bei Freunden wäre.

Das Sommermärchen, bei dem sich Menschen unterschiedlichster Nationalitäten die Hände reichten, tanzten, jubelten, weinten und sich bei der Lust am Leben näher kamen – es ist nicht mehr.

Albtraum statt Märchen

Deutschland lebt einen realen Albtraum. Man mag das Defätismus nennen. Doch ist das nicht zynisch angesichts der nur schwer zu ertragenden Worte in und außerhalb des Hohen Hauses der Bundesrepublik, mit denen industrieller Massenmord an Millionen von Menschen sowie die Verantwortung für einen Weltenbrand, der ganz Europa verheerte und weiteren Millionen das Leben kostete, als “Vogelschiss” der deutschen Geschichte marginalisiert oder der Stolz auf Hitlers Wehrmacht zur legitimen Sehnsucht erklärt wird?

Es sind die Gaulands, Weidels, von Storchs und Höckes, die den freiheitlichen Wertekonsens unserer Demokratie nicht nur infrage stellen, sondern mit dem “Schuldkult” und der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoguz, “entsorgen” wollen. Im deutschen Bundestag sitzen wieder Neonazis.

Und es bleibt eine viel zu selten ausgesprochene Unfassbarkeit, dass die öffentlichen Tiraden der Partei-Prominenz keineswegs schon die Offenbarung der Scheußlichkeit bedeuten. Was so manche unbekannten AfD-Mitglieder aus den Regionalverbände abhusten, klingt nicht nach einer Alternative für Deutschland, sondern nach einem Fall für den Verfassungsschutz.

“Befremdlich” findet es Heribert Prantl in der SZ, dass der Verfassungsschutz auch weiterhin eine Partei nicht unter die Lupe nimmt, welche die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland so unverholen attackiert.

In der Tat. Wann ist das Grundgesetz denn schützenswert, wenn nicht unter vollem Beschuss? Eine Lehre von Weimar ist schließlich auch, dass es nach dem Zu-spät auch kein zurück mehr geben kann.

Man darf sich nicht täuschen lassen: Die AfD hat bei der Bundestagswahl mehr erreicht als diese 12,6 Prozent. Die Wahlerfolge auch in den Ländern sind ein Fanal: Endlich will man wieder sagen dürfen, was sich allein schon zu denken verbieten muss.

Die demagogische Verblendung von Linksaußen ist in diesem Kontext vielleicht der ideologische Antipode, in der Sinnfreiheit des Extremen aber schon wieder äquivalent: Deutschland ist nicht über alles – aber eben auch nicht a priori große Scheiße. Beide Extreme werden zur WM in aggressiver Dialektik zu beobachten sein.

Etwas Übles traut sich nun wieder aus dem Versteck

Und ich befürchte, dass sich etwas Bahn bricht, das von Rechts entfesselt wurde und in der Mitte eine neue alte Heimat gefunden hat.

Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus waren nie weg, man hielt seine Weltsicht nur verborgen, weil sie mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt war. Die AfD enttabuisiert und legt dieses Denken wieder frei.

Mich würde es nicht überraschen, sollte sich dieser gefährliche Denkfehler auch während der WM selbst legitimieren, wenn sich “das Volk” besoffen vom kollektiven Event-Nationalismus wieder an sich selbst berauscht. “Hurra, Hurra, die Deutschen, die sind da!” – “Sieg!”.

Henning Rasche skizziert in seinem lesenswerten Kommentar in der Rheinischen Post dieses Deutschland 2018 als ein Land im Schlafwagen. Es stelle sich die Frage, ob die Passagiere denn rechtzeitig aufwachen würden, bevor jemand die Weichen verstellt.

Dass es über die Antwort keine Klarheit gibt, ist erschreckend, es ist beschämend – aber einem gesellschaftlichen Klima geschuldet, in dem die AfD eifrig Ressentiments schürt und die etablierten Parteien nicht entschieden genug widersprechen. Schlimmer noch, lassen sie sich – von Umfragewerten getrieben – instrumentalisieren, um das falsche Denken in falsche Gesetze zu gießen.

Wer das tut, knickt nicht ein vor 12,6 Prozent bei einer Bundestagswahl. Er macht sich klein, vor der großen Herausforderung, dem Alltagsrassismus außerhalb der Wahlkabinen zu begegnen.

So zieht man keine Grenzen, man verschiebt sie, wie ein Schiedsrichter, der einfach eine neue Linie aufs Feld sprüht, sobald die Mauer die letzte überschritten hat. Ein guter Schiedsrichter zieht hier die Gelbe Karte und scheut bei besonders dreister Dummheit auch keinen Platzverweis.

Das gilt auch jetzt. Das gilt für mich. Es gilt für uns alle.

Farbe bekennen, wenn sich beim Public Viewing unter Schwarz-Rot-Gold die Reichskriegsflagge mischt, wenn Deutschland gegen “Drecks-Mexikaner” in die WM startet, wenn die Hand nicht aufs Herz, sondern der Arm in die Höhe wandert, wenn Deutschland wieder über allem in der Welt stehen soll.

Vor der WM, während der WM und nach der WM – stets und immer:

Nicht wegschauen. Nicht weghören. Nicht schon wieder.

6 Gedanken zu „WM 2018, Deutschland und die AfD: Schland unter!

    • Das hat wenig mit Links-Rechts-Denken zu tun. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verbietet der gesunden Menschenverstand. Und ja, wenn im Bundestag Nazis völkischen und menschenverachtenden Müll absondern, sind Alarmismus und Widerspruch angebracht. Hysterie indes nicht.

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      • Meinst du etwa mit Nazis jene AfD, die ausgegrenzt wird, seitdem sie im Bundestag sitzt? Die Partei, wegen der man sich heftige Kritik einfängt, wenn man zufällig für den selben Antrag gestimmt hat? Jene Partei, deren Äußerungen wochenlang negative Schlagzeilen machen und die die verhasstesten Politiker Deutschlands zu bieten hat? Die selbe Partei, deren Vorsitzenden man beklauen kann und alles jubelt darüber? Ist das die Partei, über die du schreibst, dass man ihr nicht „entschieden genug widersprechen“ würde?

        Und wo stehen wir denn in der Rassismus-Debatte? Diverse Institutionen fordern gerade die Abschaffung von Talkshows, weil letztens offen über Probleme mit Migranten gesprochen wurde. Und das auch noch, ohne dass man durch Oktoberfest-Vergleiche versucht hätte, zu relativieren.

        Deswegen hat das eben schon etwas mit Links zu tun. Weil die Behauptung, offen neonazistische Positionen wären wieder salonfähig eben ein dediziert linker Mythos ist. Als Beleg kann dafür auch schonmal ein Besoffener dienen, der beim Public Viewing Unsinn gröhlt.

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      • Hier mal ein bisschen „linker Mythos“:

        + „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ (Gauland über Nationalspieler Jérôme Boateng)
        + „Quotenneger“ (Dubravko Mandic, Vorsitzender des baden-württembergischen AfD-Schiedsgerichts, über US-Präsident Barack Obama)
        + „Andere Parteien wollen Zuwanderung nur, damit die Deutschen in einem großen europäischen Brei aufgehen.“ (Armin Paul Hampel, AfD-Chef Niedersachsen)
        + „Im 21. Jahrhundert trifft der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp.“ (Björn Höcke über Asylbewerber aus Afrika)
        + „Eine deutsche oder eine englische Fußballnationalmannschaft sind schon lange nicht mehr deutsch oder englisch im klassischen Sinne.“ (Alexander Gauland)
        + „Justizhuren“, „Unrechtsstaat“ (Peter Boehringer, Oberpfälzer Bundestagsabgeordneter, über die deutsche Gerichtsbarkeit und die BRD)
        + Die deutsche Volksgemeinschaft leide „unter einem Befall von Schmarotzern und Parasiten“, welche dem deutschen Volk „das Fleisch von den Knochen fressen“ (Peter Boehringer)
        + „Vermischung“, „Umvolkung“ „Volkstod“ (Peter Boehringer über die Flüchtlingskrise und ihre Folgen)
        + „Die einzige Partei, die immer entschlossen zu Deutschland gestanden hat“ (Jens Maier, sächsischer Afd-Bundestagsabgeordneter, über die NPD)
        + „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ (Björn Höcke über das Holocaust-Denkmal in Berlin)
        + „Ladet sie mal ins Eichsfeld ein, und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“ (Bundestags-Spitzenkandidat Alexander Gauland über die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz)
        + „Wir [haben] das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“ (Alexander Gauland)
        + „Das große Problem ist, dass Hitler als absolut böse dargestellt wird. Aber selbstverständlich wissen wir, dass es in der Geschichte kein Schwarz und Weiß gibt.“ (Björn Höcke)
        + „Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermächte des 2. WK und haben die Aufgabe, das dt Volk klein zu halten indem molekulare Bürgerkriege in den Ballungszentren durch Überfremdung induziert werden sollen.“ (Alice Weidel in E-Mail über die Regierung Merkel)

        … to be continued.

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  1. Bei der letzen WM fuhren schon Autos im Korso mit, die Nationalhymne aus dem Radio und der Führergruß aus dem Schiebedach.
    Ich tue mir diese WM nicht mehr an. Sport ist was anderes.

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