Lieber Fatih, Du fragst, ob Du Deutscher sein darfst – ich will Dir antworten


„Ich bin in München geboren.“

Mit diesen Worten beginnt ein bemerkenswerter Text von Fatih Demireli.

Der Chefredakteur und Herausgeber des Sportkulturmagazins „Socrates“ hatte ihn im Zuge der Debatte um Mesut Özil und Ilkay Gündogan verfasst. Eine Debatte, die politisch aufgeladen und weder von Spielern noch dem DFB je aufgearbeitet worden war. Als Folge entkoppelte sie sich nach dem WM-Aus von der Sachlichkeit und eskalierte in stumpfem Alltagsrassismus, der mit erschreckender Selbstverständlichkeit öffentlich wurde. Fatih Demireli verweist auf seine deutsche Staatsbürgerschaft und seine türkischen Wurzeln und schließt mit der Frage: „Darf ich Deutscher sein?“

Ich wollte diese Frage nicht unbeantwortet lassen, sie hat eine klare Antwort verdient – und darüber hinaus der klaren Worte mehr.

Lieber Fatih,


Dein Text ist nachdenklich und macht nachdenklich. Er ist wunderbar geschrieben – und es macht wütend, dass er geschrieben werden musste.

Du schließt mit einer Frage: „Darf ich Deutscher sein?“

Wir kennen uns nun seit über zehn Jahren, haben zusammen bei Sport1 über den Fußball geschrieben und bei einigen Bierchen über das Leben philosophiert.

Darfst Du Deutscher sein, Fatih? – Ich finde, dass Du eine Antwort verdienst.

Das geht schnell: Ja.

Das Selbstverständliche benötigt keine Erklärung, es erklärt sich von selbst.

Nun ja, wenn es doch nur so einfach wäre.

Eine Schulfreundin, Meltem, hat mir erst kürzlich verraten, wie sie in Deutschland schon als Kind einen Alltagsrassismus durchleiden musste, der einen Menschen zerstören oder aber auf eine Weise prägen kann, sodass dieser Mensch fortan sein Leben der Aufklärung widmet.

Meltem ist heute Dr. Meltem an der Frankfurter Goethe-Universität. Sie forscht unter anderem zu Migration und Integration in Deutschland und Europa, zu Nationalismus und Islam in der Türkei sowie zu Radikalisierung von Frauen und jungen Mädchen im Kontext des islamistischen Terrorismus. Meltem ist Mitglied im Rat für Migration. Eine bewundernswerte Frau.

Aber auch Meltem hat sich Fragen gestellt – und stellt sie sich womöglich immer noch.

Wer rhetorische Fragen stellt, kennt die Antwort – und muss sie dennoch stellen, weil die Selbstverständlichkeit infrage gestellt wird.

So wie nun bei Dir, Fatih. „Darf ich Deutscher sein?“

Du bist es. Mehr als viel zu viele „Bio-Deutsche“, die das gerade in jedem Augenblick ihres hasserfüllten Lebens betonen. Stolz sind sie, als sei es ihre persönliche Lebensleistung, einer von 80 Millionen zu sein.

Was man nach seiner Geburt ist, darüber entscheiden in der Regel Glück und eben auch Pech. Doch wer man später im Leben ist, dies zu entscheiden hat man selbst in der Hand. Oder anders gesagt: Wer Dir das Deutschsein abspricht, mag zwar selbst Deutscher sein, ist in erster Linie aber ein Arschloch.

Die Parallele, die Du neben Deiner Lebenslinie zu Mesut Özil und Ilkay Gündogan ziehst, ist aus meiner persönlichen Perspektive heraus aber nicht ganz gerade.

Ich finde es wertvoll, wenn sich die Menschen ihrer Wurzeln erinnern und diese Erinnerung auch pflegen. Entwurzelung führt zu Dörrnis, gesunde Wurzeln hingegen zu Wachstum, Blüte und somit zu Vielfalt im Habitat.

Die Geschichte hat gezeigt, dass Gesellschaften schon immer durch Vielfalt bereichert wurden, durch den Austausch von Kultur und Wissen. Der inzestuöse Nationalismus-Fetisch, der Homogenität über Heterogenität stellt, Abgrenzung über einen offenen Geist und vor allem die Einfalt über die Vielfalt, wird niemals beständig sein.

Auch ich habe schon von Deinen familiären Wurzeln profitiert, als ich in der Redaktion neben Dir saß, Fatih. Neben Dir und Deinem Baby-Kühlschrank, der zwar nur einer Dose mit österreichischer Brause-Plörre Platz bot, dafür aber dermaßen erwachsene Geräusche von sich gab, als ob er gerade das AKW Isar 2 ganz allein leersaugen würde.

Während ich Dich mit Fragen nach dem Energie-Label dieses quadratischen Polkappenschmelzers nervte, hast Du mir auch jene zu türkischen Texten beantwortet, Übersetzungen geliefert und Dinge in den kulturellen Kontext eingeordnet, sodass ich über das Verstehen Fehler vermeiden konnte.

Es ist mein persönliches Einzelbeispiel und nur eine von vielen, vielen Erfahrungen dieser Art.

Aus meiner persönlichen Lebenserfahrung heraus formuliere ich mein Plädoyer für eine pluralistische Gesellschaft, in der Neugier und Offenheit Brücken schlagen. Vor allem aber auch ein Plädoyer für Toleranz und Akzeptanz als unabdingbare Voraussetzung für wertebasiertes Zusammenleben innerhalb einer stabilen Demokratie.

Und obgleich ich weiß, was Du meinst, Fatih, sehe ich hier den Knick in der Parallele zwischen Deiner Lebenslinie und der Causa um Özil und Gündogan.

Sie haben auf dem Höhepunkt des türkischen Wahlkampfes mit ihrer Popularität Partei ergriffen für einen Despoten und Demagogen, der für vieles steht – Toleranz, Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gehören zweifellos nicht dazu.

Dem Autokraten Erdogan bringt Gündogan laut Widmung Verehrung und Hochachtung entgegen und nennt ihn seinen Präsidenten. Ein Glücksfall für Erdogan, der im Wahlkampf auch das enorme Stimmenpotenzial in Deutschland für sich aktivieren wollte und damit erfolgreich war.

Es wirkt schon reichlich bizarr, wenn sich Gündogan bei seiner Rechtfertigung ausgerechnet auf die Meinungsfreiheit in Deutschland beruft, die unter Erdogan in der Türkei massiv gefährdet ist.

Das sind die Punkte, die man kritisieren darf, kritisieren muss – und zwar sachlich, ohne rassistisches Geplärre.

Und es ist auch richtig, weiterhin darauf hinzuweisen, dass sich weder Özil noch Gündogan zu diesem Politikum politisch positioniert haben – außer man deutet Gündogans offizielle Erklärung und sein Agentur-Interview als Positionierung. Dann aber wäre die Konsequenz in der Tat bedenklich.

Mein Hinweis auf Unschärfe in diesem Punkt macht Deinen Text aber kein bisschen schlechter, Fatih.

Denn in der Tat haben Gündogan und Özil mit Ihrem Erdogan-Besuch – und vor allem mit dem Echo darauf – auch Scheußlichkeiten offengelegt, von denen die einen in Deutschland schon immer gewusst haben, andere besser gar nichts wissen wollen und wiederum andere längst wissen, dass sie rechtsradikalen Duktus, rassistische Hetze und chauvinistische Deutschtümelei mit „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen …“ ungestraft bagatellisieren können.

Hier also sind wir nun, Fatih. In unser beider Deutschland im Jahr 2018.

Und soll ich Dir was sagen: Es macht mir ehrlich Angst.

Denn meine persönliche Identitätspointe habe ich mir für das Ende dieses Briefes aufgehoben. Ich bin Deutscher, ja. Aber fühle ich mich auch als Deutscher? Wie soll sich das anfühlen? Ich habe mich das oft gefragt – eine befriedigende Antwort fand ich nie.

Ich fühle da nichts, außer eine historische Verpflichtung des Nicht-Vergessens – und den Stolz, diese Verpflichtung als unbelastende Selbstverständlichkeit zu verstehen, sie in aller Konsequenz mein Handeln und Denken nach bestem Wissen und vor allem Gewissen bestimmen zu lassen.

Ich bin Deutscher auf dem Ausweis, aber Europäer im Herzen.

Wenn man sich mit der jahrhundertelangen, blutigen Geschichte unseres Kontinents befasst, dann empfinde ich eine starke, sehr tiefe Dankbarkeit, diese Epoche des Friedens erleben zu dürfen.

Losgelöst von der EU und ihren Institutionen übt dieses Europa eine unbeschreibliche Faszination auf mich aus. So hat auch der Brexit für mein Empfinden keine Bedeutung, die Briten sind für mich Nachbarn, Freunde, wie Franzosen, Engländer, Italiener, Österreicher, Spanier, Portugiesen, Schweden …

Ich bin Europäer. Aus vollster Überzeugung, von ganzem Herzen.

Denke ich an Europa, ja, dann empfinde ich etwas. Ich bin Europäer! Das ist keine politische Konditionierung, es ist immanente Leidenschaft. Oder mit Luther: Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.

Umso schmerzhafter ist es gerade zu sehen, wie Rassisten, Faschisten, Nationalisten meine Heimat zerstören.

Schmerzhaft, diese Scheinheiligkeit der Festung Europa, die sich Menschlichkeit auf die blau-gelbe Fahne geschrieben hat und nun Menschen im Mittelmeer sehenden Auges ersaufen lässt.

Arno Widmann hat in seinem lesenswerten Leitartikel in der „Frankfurter Rundschau“ leider recht. Europa hat kein Migrationsproblem, Europa hat ein Rassismusproblem.

Auch das haben Mesut Özil und Ilkay Gündogan ebenso unbeabsichtigt wie schonungslos offengelegt.

Und deshalb, lieber Fatih, ist die wichtigste Frage, die mich umtreibt, nicht, ob ein richtiger Deutscher immer nur ein rechter – oder nicht besser doch ein aufrichtiger – Deutscher sein sollte.

Meine wichtigste Frage lautet vielmehr: Sind wir Europäer noch gute Menschen?

Es ist unser Unwille, auf diese Frage zu antworten, der tödlich ist.

Doch wenn wir weiter bereitwillig schweigen, wird diese Stille unsere tödliche Antwort sein.

Wir beide werden nicht schweigen, Fatih. Danke, dass Du mit mit laut bleibst.

Viele Grüße

Michael

2 Gedanken zu „Lieber Fatih, Du fragst, ob Du Deutscher sein darfst – ich will Dir antworten

  1. Aussiedler mussten sich zum deutschen Volkstum bekennen-sonst hies es HEIMREISE selbst wenn sie in Deutschland geboren waren.Ausserdem durften sie nicht wegen Verbrechen gesucht werden(im Ausreiseland),nicht an Nazikriegsverbrechen beteiligt gewesen sein,nicht den Kommunismus unterstützt haben und nich tlänger als 3 Jahre mit einem Kommunisten eine Wohnung geteilt haben.
    Jetzt können sie sich ja mal fragen warum Deutschland heute Menschen aufnimmt die sich selbst der Kriegsverbrechen oder anderer Verbrechen bezichtigen,angeben Verfolgt zu werden weil sie Kommunisten oder Islamisten(=NS) sind und die deutsche Kultur verachten(ausser das Sozialamt).
    Alle gleich?

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    • Mit Volkstum war hier das Beherrschen der deutschen Sprache gemeint ODER ein Bekenntnis zu Nationalität. Mit dem Volkstum-Bergriff der heute in rechtsextremen Kreisen aufgegriffen wird, hatte er nur den Namen gemein. Der Verweis auf kommunistische Tätigkeit als Verbrechen ist schon sehr anachronistisch. Ihre weiteren Ausführungen sind faktenlose Pauschalierungen, wie sie von rechten Kreisen in ermüdender Endlosschleife wiederholt werden. Richtiger werden sie damit nicht. Es ist richtig, dass bei der Aufnahme von Flüchtlingen speziell 2015 vieles falsch lief, weil Deutschland es einfach über die Jahre hinweg versäumt hatte, sich auf diese absehbare Situation vorzubereiten. Ein banales „Wir schaffen das“ war hier keine Lösung. Geschafft haben es Abertausende ehrenamtliche Helfer in den Gemeinden und Kommunen – ohne nennenswerte Hilfe der Landespolitik, vor allem nicht in Bayern. Fakt ist auch, dass Menschen in diesem Land missbräuchlich Schutz beantragten. Ebenso wie es Deutsche gibt, die missbräuchlich staatliche Leistungen abgreifen oder als Steuerflüchtige Pflichten dem Gemeinwohl unterschlagen. Fakt ist, dass Verbrecher vom vom Rechtsstaat zur Rechenschaft gezogen werden. Große angsterregende Schlagzeilen in dem Blatt mit den vier Buchstaben machen aber aus Geflüchteten und Asyl-Bewerbern keinesfalls ein Heer aus Kriminellen und Verbrechern. Das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht und somit unantastbar. Nun benötigt Deutschland noch ein sinnvolles Einwanderungsgesetz. Doch da die Politik sich von rechter Hetze treiben lässt und mit blödsinnigem Streit lähmt, ist mit Sinnvollem in nächster Zeit wohl nicht zu rechnen. MW

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