Europa, verdammt noch mal, Europa!


Was passiert hier gerade? Was… tun wir?

Wie schnell konnten wir vergessen?

Oder ist es gar viel schlimmer? Wir haben nicht vergessen. Uns ist die Erinnerung nur scheißegal.

Egal die Verantwortung, das Fanal der Vergangenheit, dem wir uns für alle Zukunft verpflichten wollten.

Gemeint sind 80 Millionen Tote, eher mehr. Zwei Weltkriege, der Holocaust, zu viele entsetzliche Lehren – und eine Chance: Europa.

Wir aber zeigen auf erbärmliche Weise, dass wir diese epochale Chance nicht verdienen.

Wir sind eine Gemeinschaft des gegenseitigen Misstrauens. Mal alle gegen einen, mal einer gegen alle. Aber alle immer für sich selbst.

Vereint in nationalistischer Rückwärtsgewandtheit wenden wir uns ab von den eigenen Werten, schotten uns ab, lassen Menschen in der Wüste verdursten und im Meer ertrinken.

Wir verurteilen dafür jene, die Leben retten, wir beschimpfen sie, überschütten sie mit Hass und Häme von rechtsaußen.

Geht’s uns eigentlich noch gut?

Viel zu gut, sollte man meinen. Und wir wollen nichts von diesem Wohlgefühl teilen. Wollen nichts wissen von Rüstungsexporten in Krisenregionen und Europas Waffen, die in der Ferne töten. Und nur unter gönnerhaftem Getue gewähren wir ein paar wenigen Opfern die Selbstverständlichkeit eines Menschenrechts – und nennen sie Asyltouristen.

Andere stigmatisieren wir als „Wirtschaftsflüchtlinge“, nachdem unsere Handelspolitik dem afrikanischen Farmer und seiner Familie die Lebensgrundlage zerstört hat. Wir wollen das nicht wissen.

Klimaflüchtlinge – was können wir dafür, dass die da wohnen?

WIR KÖNNEN NICHT ALLE AUFNEHMEN!!!1!

0,07 Prozent der weltweiten Migration in 2018. 45.000 Menschen sind in diesem Jahr bislang nach Europa gekommen und 741 Millionen sollen sich deshalb auch weiterhin vor Umvolkung fürchten?

Vor allem dieses Deutschland dreht durch, nachdem man sich jahrelang hinter der Dublin-Verordnung weggeduckt und bei Hilferufen aus Italien und Griechenland nur mit den Schultern gezuckt hat: Solidarität? Ich nix verstehen!

Nun aber wollen einige Neo-Alternative wissen, wen sie für ihren Frust verantwortlich machen dürfen. Für Armut trotz Arbeit und Mindestlohn. Für marode Schulen, maroden Nahverkehr und marodes Digitalnetz. Für teuren Strom und häufige Unwetter. Für hohe Mieten und niedrige Renten. Für Diesel-Betrug und WM-Debakel.

Der Flüchtling war’s und Mutti Merkel – so klingt eine halbe Wahrheit.

Zyniker meinen, ein neuer großer Krieg wäre wohl die beste Therapie, um Europa von seiner Gleichgültigkeit zu heilen, und es wieder daran zu erinnern, was Demagogie und Nationalismus so alles anrichten.

Die Weltkriegsgeneration hatte das Grauen erlebt. Doch mit ihr stirbt die Erkenntnis, dass nicht alles selbstverständlich ist, was heute als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird.

„In jeder Generation muss jeder Mensch sich selber betrachten, als ob er selber vor den Ruinen Europas steht. Und davon muss er dann seinen Kindern erzählen – je häufiger, desto besser.“

Treffender als der israelische Musiker und Publizist Ofer Waldmann im Deutschlandfunk kann man es kaum formulieren.

Denn die Ignoranz gegenüber einer historischen Leistung, mit welcher nach 1945 der Grundstein gelegt wurde für Jahrzehnte des Friedens, legt bisweilen den Verdacht von kollektiver Amnesie einer geschichtsvergessenen Wohlstandsgesellschaft nahe.

Europa ist mehr als nur die Summe seiner 28 Einzelteile. Europa ist ein Meisterwerk diplomatischer Architektur auf den Trümmern eines durch infernalische Weltkriege verheerten Kontinents.

Dieses Europa ist Verpflichtung gegenüber Millionen von Toten, ist Mahnmal gegen unvorstellbare Unmenschlichkeit, gegen Terror, Barbarei und Despotismus.

Die Erinnerung an dieses Erbe sollte endlich wieder den Menschen – egal welcher Herkunft – in den Mittelpunkt unseres Denkens stellen und die europäische Idee zu dem erklären, was sie ist: Hoffnung für Humanität und die Notwendigkeit von Gemeinschaft.

Schließlich verpflichten wir uns in der Präambel der Europäischen Union dem „kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas“. Wir betonen die „unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte“.

Universell, nicht exklusiv. Und erst recht nicht nur für westlich und weiß. Es schließt die Ertrinkenden im Mittelmeer ein, es schließt Herkunft und Hautfarbe nicht aus.

Aber wie glaubwürdig sind wir noch, wenn sich die treibende Kraft der Entmenschlichung als Christlich-Soziale Union verkleidet, um alle christlichen Werte zu verhöhnen? Wenn das C längst für Chauvinismus steht und das S für Selbstgerechtigkeit?

„Nie wieder!“, haben wir gerufen. „Wehret den Anfängen!“ – die Rufe verhallen als Echo im Gestern. Wir fangen erneut damit an. Wir tun es schon wieder. Das Falsche.

Dabei sollten wir uns bei Flucht, Not, Krieg, Elend und Vertreibung an uns selbst erinnern – an die Geburtsstunde unseres Europas im Mai 1945, dem Augenblick der Befreiung.

Stattdessen feiern wir die Wiedergeburt kleingeistiger Ressentiments und lassen dafür eine große Idee sterben, tragen sie zu Grabe.

Wie wird der Grabstein aussehen?

Ein Stück Mauer, gekrönt mit Stacheldraht? Ein Stück Bootsplanke, umschmiegt von einer orangenen Schwimmweste?

Wie wird die Inschrift lauten?

„Hier ruht eine epochale Chance.“?

„Dem Frieden versprochen, von Hass zerbrochen.“?

Nein.

Wenn wir als schweigende Mehrheit nicht endlich aufstehen, um dem Unrecht laut zu widersprechen und eine europäische Idee zu bewahren, werden wir jenen nach uns nur eine Botschaft hinterlassen:

„Wir haben versagt.“

 

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