Mesut Özil: Der Rassismus und die sprachliche Zombie-Apokalypse


Das muss man erst mal auf sich wirken lassen: 25.000 Menschen laut Polizei, 50.000 laut Veranstalter.

Zehntausende Menschen sind am Sonntag in München auf die Straße gegangen, um ein großartiges Zeichen zu setzen, gegen Rassismus, Ausgrenzung, politische Willkür – aber eben auch gegen die zunehmende Verrohung unserer Gesellschaft sowohl in Worten als auch Taten.

Denn es ist nicht selten zuallererst das Wort, dass Hass und Bösartigkeit zum Ausdruck bringt, bevor es von Hassenden und Bösartigen in Taten umgesetzt wird.

Und es sind längst nicht mehr nur die Sozialen Medien, in denen sich namenlose Feigheit ermutigt fühlt, alle Hemmungen fallen und die Zivilisation weit hinter sich zu lassen.

Die schlimmsten semantischen Scheußlichkeiten verstecken sich zwar auch weiterhin noch in der Anonymität des Internets, doch mit dem Aufstieg der AfD und der Verschiebung des Overton-Fensters, mit dem quasi die moralische Sprachgrenze definiert wird, wurden Echo-Kammern durchbrochen. Und so zieht der düstere Schall hinaus in die reale Welt.

Politiker sprechen von „Asyltourismus“ und einer „Anti-Abschiebe-Industrie“. Wutbürger verhöhnen das Massensterben im Mittelmeer mit „Absaufen!“-Sprechchören. Man hetzt gegen „linksgrünversiffte Gutmenschen“ und das „Gesindel“ aus Afrika, das „wie Sondermüll entsorgt“ werden sollte.

Wer dennoch einen weiteren Beleg für die Dringlichkeit der #ausgehetzt-Agenda von München gesucht hatte, konnte schon am Abend fündig werden.

Mesut Özil erklärte in einer äußerst scharfen und nicht minder fragwürdigen Abrechnung mit dem Deutschen Fußball-Bund seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft und ließ die anwaltlich ausformulierte Erklärung im Vorwurf von offenem Rassismus gipfeln.

Das Echo war – leider absehbar. Abgekoppelt von berechtigter Kritik an Özils absurder Rechtfertigung für einen Foto-Termin mit dem türkischen Despoten Recep Tayyip Erdogan und Özils erstaunlicher Uneinsichtigkeit brachen wieder alle Dämme und eine braune Kloake aus rassistischen Aussonderungen ergoss sich über den gebürtigen Gelsenkirchener.

Doch nicht nur das. Mit Uli Hoeneß äußerte sich auch der Präsident des FC Bayern München in einer Art und Weise zu Mesut Özil, die vor allem durch die Wortwahl doch extrem verstörend war. 

In einer ohnehin aufgeheizten Debatte bezeichnete Hoeneß die jahrelange sportliche Darbietung Özils als „Dreck“. Er sei froh, „dass der Spuk vorbei ist“, da Özil „sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto“ mit Erdogan versteckt habe.

Es liegt eine brachiale, eine vernichtende Wut in diesen Worten, die es definitiv nicht gebraucht hätte, um deutlich zu machen, dass man Özils sportlichen Wert persönlich kritisch sieht.

Eine Wut, die sich nun mit den rassistischen Tiraden zu einer unheilvollen Kakophonie vermischt, welche die Tonalität einer Debatte vergiftet, in der zwingend Sachlichkeit geboten wäre. Um Antworten zu finden.

Antworten auf in der Tat wichtige Fragen zum Politikverständnis eines Fußballers sowie zur Gleichgültigkeit des DFB im Umgang mit rassistischen Anfeindungen gegen Özil – und nicht zuletzt zur gefährlichen Verselbständlichung von Alltagsrassismus in diesem Land.

Man muss kurz innehalten, durchatmen und sich bewusst machen, was hier in Deutschland gerade passiert: Sind wie eigentlich noch ganz dicht?

Was ist denn in uns gefahren, dass wir bisweilen nicht mehr normal reden können – kaum miteinander und übereinander schon gar nicht.

Woher kommt diese Wut, dieser Hass, diese Maßlosigkeit, ja dieser Kontrollverlust in Tonalität und Sprache?

Was läuft denn nur falsch mit uns?

Ist das nach der babylonischen Sprachverwirrung nun die misanthropische Sprachverirrung – oder gar die linguistische Zombie-Apokalypse, in der uns ein Wut-Virus befällt, weshalb wir uns nun alle gegenseitig verbal zerfleischen?

Wer die Sprache des Hasses spricht, darf sich schließlich nicht wundern, wenn Gewalt antwortet.

Und es heißt ja, die Sprache sei ein Spiegelbild des Charakters.

Wenn Sprache dann auch noch die „Kleidung unserer Gedanken“ ist, wie der britische Linguist Samuel Johnson bereits im 18. Jahrhundert feststellte, dann ist klar, was wir drei Jahrhunderte später in unserem Spiegelbild erblicken:

Ein Deutschland mit heruntergelassenen Hosen.

Michael Wollny

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