Auf dem Irrweg: Journalismus ohne Haltung


Der Medienskandal um Claas Relotius hat eine schwelende Debatte über die Qualität des Journalismus in Deutschland neu befeuert. Und natürlich hat sie sich auch gerade am äußeren rechten Rand der Gesellschaft wieder von der Sachlichkeit verabschiedet. Nach “Systempresse” und “Lügenpresse” wurde das Vokabular für pauschale Verunglimpfungen um “Relotiuspresse” erweitert.

Dabei geht der Blick über die erfundene Wahrheit von Claas Relotius hinaus. Es geht um die Forderung nach Neutralität in absoluter Vollkommenheit. Nicht mehr nur um Wahrheit, der sich Relotius verweigerte, sondern um journalistische “Wahrhaftigkeit” an sich, die so abstrakt ist, dass Journalisten sie in der Realität nicht erfüllen können – und auch nicht erfüllen sollten.

Denn nicht erst seit dem Skandal um Relotius wird der liberale Journalismus von Rechtsaußen per se als “linksgrün versiffte Systempresse” desavouiert. Längst geht es nicht mehr nur um berechtigte Medienkritik, etwa an mangelnder Transparenz bei der Unterscheidung von Meldung und Meinung.

„Ideologie der totalen Neutralität“

Hinter dem Anspruch der “Wahrhaftigkeit” verbirgt sich vielmehr “jene Ideologie der totalen Neutralität, die sich den Journalismus als haltungslosen Verstärker der politischen (und wirtschaftlichen) Protagonisten wünscht”, wie Stephan Hebel in der “Frankfurter Rundschau” feststellt.

Warum diese Forderung an den Journalismus nicht akzeptabel ist, verdeutlicht ein Beispiel: Die Reden des Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke vom Dezember 2015 und Januar 2017 über den “afrikanischen Ausbreitungstypus” sowie das Holocaust-”Denkmal der Schande” durften nachrichtlich verbreitet werden.

Dass Höcke 2015 über rassentheoretische Denkmodelle der Nationalsozialisten irrlichterte, 2017 den rechtsextremen Schmähbegriff des “Schuldkult” bediente und das Gedenken des Holocausts als “dämliche Bewältigungspolitik” verhöhnte, hätte als Einordnung und Bewertung nach Maßstäben dieser “Wahrhaftigkeit” im Anschluss an die Nachricht aber nicht stattfinden dürfen.

“Schreiben Sie einfach was ist und hören Sie auf mit der linken Hetze! Eine Meinung mache ich mir schon selbst!” – So ähnlich, wenn auch meist in aggressiverer Tonalität, lauten dann Kommentare unter journalistischen Darstellungsformen, die auf die Nachricht folgen. Die Ironie liegt in der Forderung, selbst – also subjektiv – entscheiden zu wollen, was objektiv “ist”.

Die Intention dieses Paradox demaskiert sich, wenn sie nicht mehr nur auf Meinung und Kommentar abzielt, sondern auf faktische Einordnungen. Im Fall von Björn Höcke hetzt dann nicht der AfD-Politiker gegen Afrikaner und den Holocaust, sondern die “Lügenpresse” hetzt gegen Björn Höcke.

Dabei gewährleistet bereits die Pluralität der deutschen Medienlandschaft eine repräsentative Meinungsvielfalt. Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” oder die “Welt” werden dieselben Sachverhalte möglicherweise anders bewerten als die “Süddeutsche Zeitung” oder die “taz”. Allerdings werden sie das immer auf dem Boden des Grundgesetzes tun, sich trotz dialektischen Widerspruchs im demokratischen Konsens bewegen.

Der aber wird von den Wahrhaftigkeits-Apologeten auf Rechtsaußen ohnehin abgelehnt, weshalb sich der Journalismus mit dem Anspruch auf den Holzweg begeben würde, es ihnen recht machen zu wollen.

Das „falsche“ Zitat von Hajo Friedrichs

Gerne wird in diesem Kontext “Tagesthemen”-Legende Hajo Friedrichs missbräuchlich zitiert, um darzulegen, was Journalismus darf und wo er angeblich Grenzen überschreitet: Ein Journalist solle sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.

Dass Friedrichs dabei nicht auf journalistische Haltung abzielte, sondern auf den eigenen seelische Selbstschutz angesichts von Tod und Leid, mit dem man als Nachrichtensprecher tagtäglich konfrontiert wird, muss man wissen.

Journalisten sollten nicht aus einer Position der moralischen Selbsterhöhung heraus andere erziehen. Aber sie sollten sich auch nicht in ihrer moralischen Selbstwahrnehmung verleugnen müssen. Mir widerstrebt die Vorstellung eines Journalismus ohne Haltung, zumal sich Haltung und Gewissenhaftigkeit nicht ausschließen, sondern im besten Fall gegenseitig bedingen.

Ich teile die Meinung von “Panorama”-Moderatorin Anja Reschke, dass man sich angesichts von Fake News und “Lügenpresse”-Gebrüll als Journalist durchaus mit einer Sache gemein machen sollte. Nicht mit einer linken, einer rechten, einer roten, schwarzen, grünen, blauen oder gelben Sache, sondern mit einer guten: “Unserer Verfassung”.

Michael Wollny

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