Relotius: Die Reportage ist tot, lang lebe die Reportage!


Der Fall Claas Relotius ist beispiellos. Ich gebe zu, das ist eine Meinung, keine faktische Feststellung.

Denn natürlich kann niemand mit Gewissheit sagen, ob das geradezu kriminelle Erfinden eigener Realitäten im Genre der Reportage nicht doch System hat.

Die Auswüchse jedoch, wie sie Relotius zu verantworten hat, sollten einmalig sein. Ich kann allerdings verstehen, dass dem Genre nun eine gehörige Portion Misstrauen entgegengebracht wird.

Die Reportage gilt als Königsdisziplin des Journalismus, hier schreibt die Elite. Jedenfalls war das bis zum Skandal um Claas Relotius die vorherrschende Meinung innerhalb der Branche, die ihre schreibenden Helden mit Preisen dekorierte. Was nach Neid klingt, ist die Beschreibung von Tatsachen.

Speziell im Fall von Claas Relotius war regelrechter Heldenkult mit ursächlich dafür, dass der SPIEGEL-Reporter viel zu lange auch im eigenen Haus unentdeckt Fiktion als Fakten verkaufen konnte. Für Relotius gilt, was Marc Aurel einst mit den Worten “Pass auf, dass Du nicht verkaiserst” anmahnte.

Der Philosophenkaiser erkannte die Gefahr, in der Selbstbezogenheit den Blick für das Menschliche zu verlieren. Nun könnte man spotten, bei Relotius sei es genau anders herum gewesen: Wo nichts menschelte, wurden eigene Welten ersponnen – Menschen made by Relotius.

Kritik von außen, Selbstkritik im Inneren

In seiner Dreistigkeit bleibt Relotius nach aktuellem Stand unerreicht, doch der Skandal hat den Journalismus als Ganzes erschüttert. In die Kritik im Allgemeinen mischt sich innerhalb der Branche nun auch Selbstkritik im Speziellen.

So verrät etwa Konstantin Richter in der “Zeit”, wie er einmal eine lange Unterhaltung in einen kurzen Dialog verwandelte, die Aussage eines Gesprächspartners als dessen inneren Monolog wiedergab oder in das Lächeln eines Mannes einen Charakterzug hineininterpretierte, über den er sich nun selbst fragt, ob der Mann tatsächlich so gelächelt hatte, oder ob das nicht einfach nur “der Gestaltungswille des schönschreibenden Journalisten” war.

Richter verweist zudem auf die Methode des “Stream of Consciousness”, mit dem sich Reporter in die Köpfe ihrer Protagonisten pflanzen, um dann wortgewaltige Bilder zu malen, die so schön, so nahbar sind, dass eigentlich auffallen sollte, dass sie auch zu schön sind, um wahr zu sein. Relotius wandte die Methode häufig an.

Mit seiner Selbstkritik ist Richter nicht allein. Grundsätzlich wird nun der Begriff der “Geschichte” als Trägerform der Reportage hinterfragt, mitunter sogar gänzlich abgelehnt. Die Reportage schaffe sich selbst ab, nachdem sie sich zur Literatur entwickelt habe, heißt es nun.

Das mag als Zustandsbeschreibung im Einzelnen stimmen, gilt jedoch nicht für das Gesamtbild und taugt somit auch nicht als Grabrede zur Beerdigung des Genres.

Gute Reportagen sind möglich – und nötig

Vereinfacht ausgedrückt: Wer seinen Job richtig macht, liefert auch eine richtige Reportage. Wer bei dem bleibt, was ist und nicht erfindet, was in dramaturgischem Wunschdenken sein sollte, wer die schlichte Realität nicht mit verschnörkelter Rhetorik verfälscht, der ist auf dem richtigen Weg.

Natürlich müssen dazu nicht nur Schreibstil und Methodik, sondern muss auch die Erwartungshaltung angepasst werden. Denn den journalistischen Co-Piloten im Kopf des Protagonisten darf es in Zukunft nicht mehr geben – früher war dann halt mehr Prosa. Geschenkt. 

Ein großes Problem habe ich jedoch mit der Forderung, Reporter müssten aufhören, Geschichten zu erzählen. Man sollte hier zwingend differenzieren. Für mich besteht ein elementarer Unterschied zwischen Geschichtenerzählen und dem Erzählen von Geschichten, dem Storytelling.

Relotius wurde als Geschichtenerzähler enttarnt. Doch es bleibt wichtig, dass Reporter weltweit auch weiterhin die Geschichten von Menschen erzählen, die ansonsten nicht gehört würden, obwohl sie Wichtiges zu erzählen hätten. Oder Geschichten, die erzählenswert sind, weil sie Komplexität aufbrechen, um so für Menschen erst greifbar und begreifbar zu werden.

Cum-Ex etwa ist zu kompliziert, als dass man auf Anhieb die himmelschreiende Schweinerei verstehen muss, die sich hinter der kryptischen Bezeichnung verbirgt. Die Reportage von Correctiv jedoch macht das Unfassbare greifbar und im Ergebnis den Leser sprachlos wütend.

Es ist ein Unterschied, ob man um das brutale Ritual der Beschneidung von jungen Mädchen weiß, oder die Geschichte über eine Sechsjährige im Sudan liest, über ihr Erleben und Erleiden dieser unsäglichen Barbarei.

Wir stumpfen ab

Zwölf Tote bei einem Anschlag in Afghanistan, 30 Opfer durch eine Autobombe im Irak, 60 ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer. Wir leben in einer Zeit, in der die Omnipräsenz des Grauens zu Abstumpfung führt. Die Empathie nimmt mit jeder weiteren Meldung ab. Das ist nicht verwerflich, die Verhaltensforschung spricht von Habituation, einer Form des Selbstschutzes.

Die Reportage reanimiert unser Mitgefühl, das unter dem nachrichtlichen Dauerbeschuss immer wieder ins Koma rutscht.

Julia Jäkel, CEO bei Gruner + Jahr, betonte noch einen weitere wertvollen Effekt der Reportage. Sie sei wie ein Ausgang aus den Filter-Blasen, in denen wir uns mal mehr mal weniger bewusst bewegen. Gute Reportagen “packen dich am Kragen und schleifen dich raus”, meinte Jäkel 2017 anlässlich des Nannenpreises, einer Auszeichnung für Reportagen, den der hochdekorierte Hochstapler Relotius übrigens nie gewinnen konnte.

Durch die Digitalisierung tritt zudem das Phänomen des “overnewsed but underinformed” ein: Man wird von Nachrichten erschlagen, aber die Zusammenhänge und Hintergründe erschließen sich nicht.

Kurz: Das “Was?” ist bekannt, das “Warum?” liegt im Dunkeln.

Hier entwickelt die Reportage ihre ganze Wirkkraft. Storytelling, ob nun analog oder virtuell-digital wie „Schmerz“ der Schwäbischen Zeitung, hat das Potenzial zu sensibilisieren, zu erklären, zu veranschaulichen und somit unmittelbaren Einfluss zu nehmen auf Meinungsbildungsprozesse und damit theoretisch auch auf politische Entscheidungen als Folge öffentlichen Drucks.

Was damit einhergeht, liegt auf der Hand: Eine enorme Verantwortung und Pflicht zur Wahrheit.

Claas Relotius hat somit zweierlei bewirkt: Er hat einerseits die Glaubwürdigkeit der Reportage zertrümmert, dem Genre andererseits aber auch die Chance zur kritischen Selbstreflexion eröffnet. Denn die schien überfällig.

Gelingt der Reset, kann aus den Trümmern des Alten etwas Neues entstehen: Die Reportage ist tot, lang lebe die Reportage.

Michael Wollny

Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s