Nazis im Fanblock: Chemnitz ist kein Einzelfall


Ein kompletter Fanblock trauert öffentlich um den verstorbenen Mitbegründer der rechtsextremen Hooligan-Gruppierung “HooNaRa” – Hooligans-Nazis-Rassisten. Der Verein deckt die Aktion und ein Spieler widmet irgendwie versehentlich seinen Torjubel dem weithin bekannten Neonazi Thomas Haller.

Dass der Chemnitzer FC erst nach der erwartbaren öffentlichen Reaktion nun so tut, als sei er Opfer und nicht mindestens duldender Mitwisser, kann als Indiz dafür gewertet werden, wie stark rechtsextreme Ideologie die Fankultur im ostdeutschen Fußball prägt. Längst sind die Fanblöcke auch Rekrutierungsraum für rechte Kader.

Neu ist das keinesfalls, beschäftigt man sich mit der Entwicklung von Fanszenen etwa in Rostock, Leipzig, Dresden, Cottbus, Halle und eben auch Chemnitz. Wie schwer die Distanzierung eines Vereins von rechtsextremen Fans fällt, die keineswegs nur eine Minderheit darstellen, konnte man schon häufiger an den aufrichtigen, aber auch hilflosen Versuchen erkennen, mit denen beispielsweise Dynamo Dresden versucht, Rechtsdrehendes irgendwie geradezurücken.

Rechtsextreme Fans auch im Westen

Mit ähnlichen Problemen kämpfen auch westdeutsche Vereine, wenn auch nicht in dieser Breite. Borussia Dortmund mag hier ein prominentes Beispiel sein, Alemannia Aachen ein erschreckendes.

In Aachen zeigte sich auf dramatische Weise, wie falsche Behauptungen, Unwissenheit und verzerrte Perspektiven in der medialen Berichterstattung eine subkulturelle Jugendbewegung wie die Ultrá-Szene pauschal kriminalisiert, der Mehrzahl an positiven Einflüssen der Ultras aber leider viel zu häufig die öffentliche Aufmerksamkeit verwehrt wird.

Während ausgiebig über Pyrotechnik als “bürgerkriegsähnliche Zustände” in deutschen Fußballstadion debattiert wurde, prügelte die rechte Gruppierung “Karlsbande” die linken Ultras von Alemannia Aachen nicht nur aus dem Stadion, sondern stattete einigen sogar “Hausbesuche” ab.

Die Aachen Ultras hatten im Vorfeld zahlreiche Pressemitteilungen verschickt, Hilferufe tatsächlich, mit denen sie auf Ihre Not aufmerksam machen wollten. Überregionales Aufsehen erlangte der Fall indes kaum. Als Redakteur von Eurosport hatte ich in meinem Artikel “Rechts vor links in der Kurve” unter anderem auch darüber berichtet.

Im Zeitalter des modernen Hochglanz-Fußballs und seiner Turbo-Kommerzialisierung muss immer wieder daran erinnert werden, dass noch bis vor rund zwei Jahrzehnten eine Klientel in den Fanblöcken stand, mit der DFB und DFL ihr “Produkt Fußball” nur schwerlich hätten vermarkten können. Rechtsextremes Gedankengut war in den Stadien allgegenwärtig und machte sich nicht nur durch unsägliche Affenlaute gegen schwarze Spieler bemerkbar.

Ultras verdrängten Rechte aus den Kurven

Es waren vor allem die Ultras, die es sich um die Jahrtausendwende von Elbe bis Isar zur Aufgabe machten, diesem Treiben Einhalt zu bieten. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg – immer aber mit Leidenschaft und Überzeugung. Und daran hat sich auch bis heute nichts geändert.

Ultras wie etwa “Schickeria München” des FC Bayern organisierten bereits Vorträge von Zeitzeugen der NS-Terrorherrschaft sowie Besuche der KZ-Gedenkstätte Dachau. Sie sorgen mit einer eigenen Stiftung dafür, dass das Erbe des jüdischen Vereinspräsidenten Kurt Landauer nicht in Vergessenheit gerät und sensibilisieren junge Mitglieder für Politik, der man sich auch als Fußballfan im Alltag nicht entziehen kann.

Damit stehen linke Ultrá-Gruppen wie jene aus München, aus Bremen, St. Pauli, Freiburg, Duisburg oder Babelsberg – um nur einige zu nennen – mit ihrem gesellschaftspolitischen Engagement im Widerspruch zum Feigenblatt-Claim rechter Gruppen: “Fußball ist Fußball und Politik ist Politik.”

Journalisten, Fans, Politik – die Öffentlichkeit – konzentrieren sich bei ihrer Bewertung der Szene aber weiterhin vor allem auf Pyrotechnik und Gewalt der Ultras untereinander, wenn rivalisierende Gruppen aufeinander treffen. Letzteres zu recht. Denn die ritualisierte Gewalt bleibt ein Unding dieser subkulturellen Bewegung, auch darüber habe ich bei Eurosport im Artikel “Vorsicht, streunende Köter!” geschrieben.

Losgelöst davon muss aber nicht erst angesichts der Vorkommnisse in Chemnitz endlich differenzierter, sachlicher, kritischer – und eben auch fairer – auf die deutsche Fankultur und allen voran die Ultras geblickt werden. Denn Ultrá-Gruppen, die sich mit enormer Zivilcourage in der Kurve gegen Rassismus und Homophobie stellen, stehen auch mit ihrem sozialen Engagement im Alltag weiterhin oftmals ziemlich allein. Für den Osten der Republik gilt dies in besonderem Maße.

Doch eines sollte man sich bei dieser Debatte stets vor Augen halten: Der Fußball selbst produziert keine gesellschaftlichen Missstände, er stellt sie nur verdichtet dar.

Michael Wollny

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