Fridays for Future: Ignoranz und Arroganz der Polit-Anachronisten


In all den Jahren als Pendler habe ich eine sehr spezielle Beziehung zur Münchner S-Bahn entwickelt. Pannen und Zugausfälle in nervtötender Zuverlässigkeit. Und die Antwort auf die Frage, ob die Bahn denn heute mal pünktlich kommt, kann man am Bahnsteig auswürfeln. Aber ich habe das Pendeln auch zu schätzen gelernt, denn die S-Bahn ist immer auch Resonanzraum für Themen, die einen Journalisten im Wortsinn beschäftigen.

Und so saßen mir kürzlich von Isartor bis Feldkirchen in der S2 zwei rüstige Damen gegenüber, die sich über die „Fridays for Future“-Demo unterhielten. Im Grunde waren sie sich einig, fanden den Unterrichtsboykott der Schüler gut. Und eine der Damen kannte Herbert Grönemeyer. „Der hat schon recht gehabt mit dem ‚Kinder an die Macht‘.“

Das war wohlwollend gemeint, ist bei genauerer Betrachtung aber tatsächlich grundfalsch.

Grönemeyer selbst hatte Jahre später erklärt, dass er keine Gesellschaftskritik im Sinn hatte, sondern einfach „nur ein lustiges Lied“. Wie wenig es zur Beschreibung der „Fridays for Future“-Proteste taugt, zeigt der Songtext, den die demonstrierenden Schüler zweifellos als Beschreibung ihres Engagements kaum lustig finden würden.

Vielmehr steht er für die kleingeistige Überheblichkeit, mit der die Demonstrationen aus Kreisen der üblichen Verdächtigen ins Lächerliche gezogen werden. „Gebt den Kindern das Kommando, denn sie berechnen nicht, was sie tun“, singt Grönemeyer 1986. Kinder würden zudem “keine Rechte, keine Pflichten“ kennen.

In dem Text wird eine Ahnungslosigkeit und Infantilität beschrieben, die sich rund drei Jahrzehnte später eher als Charakterbeschreibung für diejenigen eignen, die nun so herablassend ihren Spott über „schwänzende Schüler“ und den “Aufstand der Fruchtzwerge” ergießen.

Weil sie Ignoranz, Egoismus und Gleichgültigkeit als individuelle Freiheitsrechte gegen “Öko-Faschisten” und eine “fremdgesteuerte” 16-jährige Klima-Aktivistin wie Greta Thunberg verteidigen müssen.

Es sind mitunter dieselben Stimmen, die dieser Generation der Nullerjahre in der Vergangenheit Politikverdrossenheit und Hedonismus attestiert hatten. Nicht ganz zu Unrecht.

Dass sich das nun mit den Freitagsprotesten ändert, liegt daran, dass diese jungen Menschen nicht nur erkannt haben, dass es um die existenziellen Fragen unserer Zeit und ihrer Zukunft geht.

Sie drängen nun auch auf endliche Beantwortung dieser Fragen, um die sich weite Teile von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft jahrzehntelang gedrückt haben und denen immer noch zu viele auch weiterhin die Aufmerksamkeit verweigern, obwohl sie zwingend angebracht wäre:

Was unternimmt der Mensch gegen den menschengemachten Klimawandel und welche ökologischen, ökonomischen und auch geopolitischen Folgen hat die Erderwärmung?

Diese auf die Straße getragenen und damit lautstark in der Öffentlichkeit artikulierten Fragen sind nicht Ausdruck eines kollektiven Freizeittrends renitenter Bildungsverweigerer.

Es ist das, was es ist: ein Streik, der nötig wurde, weil sich der Geist der Veränderung und des Fortschritts nicht länger im Klassenzimmer isolieren lassen wollte, während sich draußen die Polit-Anachronisten bei Energiewende, digitaler Transformation und Elektromobilität mit geballtem Dilettantismus der Zukunft verweigern.

Wer also fordert, die Schüler mögen doch bitteschön an einem Samstag oder Sonntag demonstrativ streiken, hat den originären Sinn des Streikens nicht kapiert und sollte in der Konsequenz dieser wirren Logik seine Forderung einfach mal gegenüber Lohnstreikenden von ver.di äußern.

Man muss schon aufpassen, dass man in der ganzen Debatte um “Fridays for Future” die Konfliktlinie nicht fälschlich zwischen den Generationen verortet, zwischen Alt und Jung. Denn so ist es nicht. Die streikenden Schüler erhalten altersunabhängig viel Zuspruch, zumal sie ihren eigenen Lebenswandel durchaus selbstkritischer reflektieren, als ihre Kritiker gemeinhin monieren.

Mittlerweile stellt sich einer aktuellen Umfrage zufolge mit 67 Prozent die klare Mehrheit der Deutschen hinter diesen Protest. Das verwundert nicht. Schließlich geht es hier um ein Problem, das im Gegensatz zu Pflege-, Renten-, oder Migrationspolitik die Menschen in ihren Interessen nicht trennt, sondern gesellschaftlich eint. Die Brisanz der Thematik und die Notwendigkeit zum Handeln wurden erkannt. Wenn auch nicht von allen.

Doch diese Quellen für Häme, Spott, Nörgelei und paternalistische Besserwisserei finden sich vornehmlich in den Reihen von AfD, Union und FDP sowie den Medien, allen voran den Springer-Organen mit ihrem kruden “Welt”-”Bild”.

Man darf dieses arrogante Getöse getrost überhören, es ist nur die Wut alter weißer Männer, die einmal mehr nicht erkennen wollen, dass auch die Bretter, die sie vor dem Kopf tragen, die Welt bedeuten können.

Michael Wollny

Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s